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An Enge und Abgrund vorbei in den „Himmel“

Ausgabe: 2011/35, Himmel, Vorarlberg, Nenzinger Himmel
31.08.2011
- Dietmar Steinemair
Eine Ahnung davon, wie sich Vorarlberger vielleicht den Himmel vorstellen, beschleicht den Besucher des „Nenzinger Himmels“ im Rätikon: Aufgeräumt, eine eigene Hütte für jeden Himmels-Bewohner, gesperrt für Besucher-Autos und Fahrräder. Zu Gast am Rande des Klischees.

Himmelnochmal, geht’s hier tief runter!“, entfährt es einem bundesdeutschen Fahrgast im Wanderbus unwillkürlich. 200 Meter sind es an dieser Stelle. Der Eingang ins Gamperdona-Tal, an dessen Ende der so genannte „Nenzinger Himmel“ liegt, ist denkbar schmal. So schmal, dass weit oberhalb des Meng-Baches eine Straße in den Fels gesprengt werden musste. Eine Straße, die atemberaubende Ausblicke nach oben und unten bietet und vorbei an bizarren, überhängenden Felsformationen aus Konglomerat führt.

Beten am Abgrund. Ein Felsrücken kann nur durch einen kurzen Tunnel passiert werden, das Gebiet dort heißt „in der Enge“. Neben der Aufmerksamkeit für derlei Ingenieurskunst wird der Passagier auf dem ersten Abschnitt durchs Gamperdona-Tal auch eines Bibel-Besinnungswegs gewahr. An markanten Stellen in der Natur führt der Blick immer wieder zu Holztafeln, die mit Stichworten wie „Versöhnung“, „Vom Dunkel ins Licht“ oder „Ausdauer“ und passenden Bibelversen – meist aus dem Buch der Psalmen – versehen sind. Der Besinnungsweg endet auf Halbstrecke bei der Wallfahrtskapelle Kühbruck.Hier weitet sich auch das Tal, ab hier dominiert das Kalkgestein des Rätikon. Auf ihm gedeiht wunderbar die Spirke, eine aufrecht wachsende Unterart der Bergkiefer. Riesige Schuttkegel reichen immer wieder bis an Bach und Straße heran – und verlegen sie auch manchmal. Wie auf Bestellung huscht ein Murmeltier über eine der nun häufiger werdenden Wiesen. Bald sind die ersten großen Almhütten erreicht, wenig später auch der weite Kessel am Talende.

Alpe und Feriendomizil. Als Erstes – und wenig überraschend – trifft der Besucher auf die Sennerei. Die Milchwirtschaft ist und bleibt die Ursprungsbestimmung dieses Alp-Gebietes. Dominiert wird der Talkessel aber von den zahllosen Hütten, um nicht zu sagen: den vielen Häusern. Es sind private Feriendomizile Nenzinger Bürger. Die meisten Häuser gleichen einander, die Giebel innerhalb der Häusergruppen sind stets aufeinander abgestimmt. Viele Jalousien sind – jetzt, gegen Augustende – ganz einfach zu. Die Ferien mancher Besitzer dauern wohl nicht den ganzen Sommer über. Nicht fehlen darf im Alm- und Feriendorf die Kapelle, sie ist dem hl. Rochus geweiht und liegt am Rande des Dorfes, inmitten von Kuhweiden.

Vom Jagd- zum Erholungsgebiet. Es soll, so bezeugen archäologische Funde, bereits in der Bronzezeit eine Weidenutzung des Gebietes gegeben haben. Urkundlich belegt sind Jagd- und Alpwirtschaft seit dem 15. Jahrhundert. Von den Einfällen der benachbarten Graubündner, die als Viehdiebe, Wilderer und Schmuggler den „Nenzinger Himmel“ heimsuchten, und gegen die sich die einheimischen Bauern und Jäger zur Wehr setzten, erzählen manche Geschichten. Als Ende des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg der Tourismus seinen Aufschwung nahm, stieg auch das Interesse am Gamperdona-Tal. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstand ein Feriendorf von über 200 Hütten, mit einem Gasthaus mit Hotelbetrieb, einem Kaffeehaus und sogar einem Lebensmittelgeschäft. Dass es bei den vielen Einzelhütten geblieben ist und noch keine Bettenburgen in die Landschaft geklotzt wurden, hat damit zu tun, dass nur Nenzinger Bürger hier bauberechtigt sind. Die meisten „Touristen“ sind also Einheimische. Daher hat sich bereits früh der Begriff „Nenzinger Himmel“ eingebürgert, der inzwischen auch die offizielle Bezeichnung für die Siedlung und das ganze Tal ist.

Weg des Lebens. Der enge und ausgesetzte Weg hoch oberhalb der Schlucht, die allgegenwärtige Nähe von letztlich nicht kontrollierbaren Natureinflüssen, der Versuch, sie trotzdem zu bändigen, das Vertrauen auch auf das Gebet, die friedliche Weite am Ende des Tales – all das erinnert den Besucher an den Weg durch das eigene Leben. Und selbst wenn am Ende des Gamperdona-Tales Himmel und Erde sich scheinbar berühren, steht für jeden, der hierherkommt, die eigentliche Reise in den bleibenden Himmel noch bevor.

www.alpegamperdona.at
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