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Halbherzigkeit kostet Menschenleben

Nur rasche Hilfe könnte Katastrophe in Ostafrika eindämmen
Ausgabe: Hunger, Ostafrika, Somalia, Kenia, Äthiopien, Caritas, Regierung, Politik
06.09.2011
- Hans Baumgartner
Es gibt viele erschütternde Bilder aus dem Dürregebiet Ostafrika. Was hat Sie am stärksten berührt? Schweifer: Am meisten betroffen gemacht hat mich die Angst der Menschen. Ich war ja nicht das erste Mal in der Region und auch nicht in Katastrophengebieten: Aber diese Angst, wie man die nächsten Wochen und Monate überstehen soll, diese verzweifelte Ohnmacht, die mir da in den Gesprächen mit Dorfältesten und Familien entgegenschlug, die werde ich nicht so rasch vergessen. Das heißt, die Menschen spüren, dass das, was da kommt, noch schlimmer wird, dass die Krise noch nicht am Höhepunkt ist? Schweifer: In dem riesigen Dürregebiet, das so groß ist wie Frankreich, Deutschland und Österreich zusammen, ist die Lage zwar überall dramatisch, aber mit Abstufungen. Im Süden Somalias stehen wir mitten in der Tragödie mit Zehntausenden Hungertoten; im Norden Kenias, das ist die Gegend, wo ich war, oder in Ostäthiopien stehen wir an der Kippe zur Tragödie. Ich bin da stundenlang durch Gebiete gefahren, wo es nichts mehr gibt außer vertrocknetes Land, kein Gras, keine Wasserstellen für die Tiere und immer öfter auch kein Trinkwasser mehr. Die nächsten Regenfälle aber gibt es frühestens im November. Wenn es nicht gelingt, den Menschen dort für die nächsten drei, vier Monate durch rasche und ausreichende Hilfe das Überleben zu sichern, kippt auch diese Region in die Tragödie. Wenn die Kinder zu sterben beginnen, werden die Menschen alles aufgeben, ihre Dörfer verlassen und versuchen, die großen Camps internationaler Hilfsprogramme zu erreichen. Kommt dann doch der Regen, haben sie nichts mehr, worauf sie aufbauen können. In Kenia sollen die Grundnahrungsmittel bereits mehr kosten als in Österreich. Wird da mit der Not der Menschen spekuliert? Schweifer: Zum Teil ist das sicher so, dass die Not der Menschen von Händlern ausgenutzt wird. Und das ist schlichtweg eine riesige Sauerei. Aber es gibt ein ganzes Bündel von Ursachen dafür, dass sich die von der Dürre Betroffenen nicht versorgen können. Und was sind die Ursachen? Schweifer: Ein kritischer Punkt ist, dass sich die Leute die Lebensmittel, die in Kenia durchaus vorhanden wären, einfach nicht leisten können. Viele von ihnen sind Subsistenzbauern, die gerade einmal so viel erwirtschaften, dass sie überleben. Aber sie können keine Reserven bilden. Und ihre fast verhungerten Tiere kauft ihnen jetzt auch niemand ab, damit sie sich dafür Lebensmittel beschaffen könnten. Verschärft wird die Lage dadurch, dass in vielen Entwicklungsländern die Lebensmittelpreise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Weltweite Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln sind ein Grund dafür. Dazu kommt, dass internationale Konzerne und Länder wie China oder Saudi-Arabien riesige Landflächen in Afrika aufkaufen, um dort Pflanzen für Agrosprit oder Nahrungs- und Futtermittel für den Export anzubauen. Damit wird die für die örtliche Versorgung notwendige bodenständige Landwirtschaft verdrängt und vernichtet. In den vergangenen Tagen wurde mehrfach die „Zurückhaltung“ der österreichischen Regierung kritisiert. Wie sehen Sie das? Schweifer: Bisher hat die Bundesregierung Hilfe in der Höhe von 1,5 Millionen Euro zugesagt. Das ist angesichts der Not einfach beschämend. Länder wie Belgien, Dänemark, England oder das finanzmarode Spanien haben das zehn- bis 50fache, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, zur Verfügung gestellt. Wenn die Menschen in Ostafrika fragen, auf wen sie hoffen dürfen, dann gehört der österreichische Staat nicht dazu. Das schockiert. Aber warum ist das so? Schweifer: Weil die Politik daran offensichtlich kein Interesse hat. Nur so ist es zu erklären, dass die Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe seit Jahren chronisch unterentwickelt ist. Und als wir vor dem Budgetbeschluss im Dezember vor einer weiteren Kürzung der direkten Entwicklungshilfe gewarnt haben, die genau dort ansetzt, wo Hunger vermieden oder zumindest gemildert werden kann, hat das gar nichts genützt. Was in Österreich aber eine Budgetzeile ist, kann das Überleben Tausender Kinder ermöglichen oder eben nicht. Ich hoffe, dass jetzt die hohe Spendenbereitschaft der Österreicher/innen die Politik und den dafür zuständigen Außenminister Spindelegger aufrüttelt. Denn es ist ja nicht so, dass die Bevölkerung dagegen wäre, den Menschen in den armen Ländern nachhaltig zu helfen. Die hat das längst begriffen, dass das ein wichtiger Beitrag für mehr Frieden und Gerechtigkeit wäre, der auch im Interesse Österreichs ist. Bei einer Eurostat-Studie haben 70 Prozent der Österreicher/innen gefordert, die Politik soll sich mehr für Entwicklungshilfe engagieren. Es gibt viele erschütternde Bilder aus dem Dürregebiet Ostafrika. Was hat Sie am stärksten berührt? Schweifer: Am meisten betroffen gemacht hat mich die Angst der Menschen. Ich war ja nicht das erste Mal in der Region und auch nicht in Katastrophengebieten: Aber diese Angst, wie man die nächsten Wochen und Monate überstehen soll, diese verzweifelte Ohnmacht, die mir da in den Gesprächen mit Dorfältesten und Familien entgegenschlug, die werde ich nicht so rasch vergessen. Das heißt, die Menschen spüren, dass das, was da kommt, noch schlimmer wird, dass die Krise noch nicht am Höhepunkt ist? Schweifer: In dem riesigen Dürregebiet, das so groß ist wie Frankreich, Deutschland und Österreich zusammen, ist die Lage zwar überall dramatisch, aber mit Abstufungen. Im Süden Somalias stehen wir mitten in der Tragödie mit Zehntausenden Hungertoten; im Norden Kenias, das ist die Gegend, wo ich war, oder in Ostäthiopien stehen wir an der Kippe zur Tragödie. Ich bin da stundenlang durch Gebiete gefahren, wo es nichts mehr gibt außer vertrocknetes Land, kein Gras, keine Wasserstellen für die Tiere und immer öfter auch kein Trinkwasser mehr. Die nächsten Regenfälle aber gibt es frühestens im November. Wenn es nicht gelingt, den Menschen dort für die nächsten drei, vier Monate durch rasche und ausreichende Hilfe das Überleben zu sichern, kippt auch diese Region in die Tragödie. Wenn die Kinder zu sterben beginnen, werden die Menschen alles aufgeben, ihre Dörfer verlassen und versuchen, die großen Camps internationaler Hilfsprogramme zu erreichen. Kommt dann doch der Regen, haben sie nichts mehr, worauf sie aufbauen können. In Kenia sollen die Grundnahrungsmittel bereits mehr kosten als in Österreich. Wird da mit der Not der Menschen spekuliert? Schweifer: Zum Teil ist das sicher so, dass die Not der Menschen von Händlern ausgenutzt wird. Und das ist schlichtweg eine riesige Sauerei. Aber es gibt ein ganzes Bündel von Ursachen dafür, dass sich die von der Dürre Betroffenen nicht versorgen können. Und was sind die Ursachen? Schweifer: Ein kritischer Punkt ist, dass sich die Leute die Lebensmittel, die in Kenia durchaus vorhanden wären, einfach nicht leisten können. Viele von ihnen sind Subsistenzbauern, die gerade einmal so viel erwirtschaften, dass sie überleben. Aber sie können keine Reserven bilden. Und ihre fast verhungerten Tiere kauft ihnen jetzt auch niemand ab, damit sie sich dafür Lebensmittel beschaffen könnten. Verschärft wird die Lage dadurch, dass in vielen Entwicklungsländern die Lebensmittelpreise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Weltweite Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln sind ein Grund dafür. Dazu kommt, dass internationale Konzerne und Länder wie China oder Saudi-Arabien riesige Landflächen in Afrika aufkaufen, um dort Pflanzen für Agrosprit oder Nahrungs- und Futtermittel für den Export anzubauen. Damit wird die für die örtliche Versorgung notwendige bodenständige Landwirtschaft verdrängt und vernichtet. In den vergangenen Tagen wurde mehrfach die „Zurückhaltung“ der österreichischen Regierung kritisiert. Wie sehen Sie das? Schweifer: Bisher hat die Bundesregierung Hilfe in der Höhe von 1,5 Millionen Euro zugesagt. Das ist angesichts der Not einfach beschämend. Länder wie Belgien, Dänemark, England oder das finanzmarode Spanien haben das zehn- bis 50fache, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, zur Verfügung gestellt. Wenn die Menschen in Ostafrika fragen, auf wen sie hoffen dürfen, dann gehört der österreichische Staat nicht dazu. Das schockiert. Aber warum ist das so? Schweifer: Weil die Politik daran offensichtlich kein Interesse hat. Nur so ist es zu erklären, dass die Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe seit Jahren chronisch unterentwickelt ist. Und als wir vor dem Budgetbeschluss im Dezember vor einer weiteren Kürzung der direkten Entwicklungshilfe gewarnt haben, die genau dort ansetzt, wo Hunger vermieden oder zumindest gemildert werden kann, hat das gar nichts genützt. Was in Österreich aber eine Budgetzeile ist, kann das Überleben Tausender Kinder ermöglichen oder eben nicht. Ich hoffe, dass jetzt die hohe Spendenbereitschaft der Österreicher/innen die Politik und den dafür zuständigen Außenminister Spindelegger aufrüttelt. Denn es ist ja nicht so, dass die Bevölkerung dagegen wäre, den Menschen in den armen Ländern nachhaltig zu helfen. Die hat das längst begriffen, dass das ein wichtiger Beitrag für mehr Frieden und Gerechtigkeit wäre, der auch im Interesse Österreichs ist. Bei einer Eurostat-Studie haben 70 Prozent der Österreicher/innen gefordert, die Politik soll sich mehr für Entwicklungshilfe engagieren.
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