Martin Scorsese hat für seinen Film „Schweigen“ einen Roman des zum Katholizismus konvertierten japanischen Schriftstellers Shusaku Endo adaptiert.
Ausgabe: 10/2017
07.03.2017
- Markus Vorauer
1988 schenkt Erzbischof Paul Moore dem US-amerikanischen Filmregisseur Martin Scorsese den Roman „Silence“ von Shusaku Endo. Dieses Buch würde Essenzielles zum Glauben beinhalten. Das Geschenk ist bemerkenswert, weil Moore seinerzeit einer der wenigen kirchlichen Vertreter war, der „Die letzte Versuchung Christi“ nicht kritisiert hat, in dem Scorsese einen Jesus zeigt, der zwischen göttlichem Auftrag und einfachem Menschsein förmlich zerrissen wird. Scorsese liest den Roman 1989 bezeichnenderweise während einer Zugfahrt in Japan, wo er als Schauspieler für Akira Kurosawas „Träume“ mitgewirkt hat. Die Geschichte, die Endo in seinem 1966 publizierten Roman erzählt, hat Scorsese nicht mehr losgelassen. 28 Jahre später kommt nun seine Adaption ins Kino.
Thematisch, so viel sei vorweggenommen, reiht sich „Silence“ perfekt in die bisherige Filmografie des im katholischen Milieu in Little Italy aufgewachsenen Regisseurs ein, der als Kind zuerst Priester werden wollte, bevor er Filmemacher wurde. Alle Scorsese-Filme handeln von Sünde und Vergebung. Formal sind die meisten virtuos. Da werden alle filmischen Erzählmittel ausgenützt, oft mit barocken Ergebnissen, wie auch der bislang letzte Film von Scorsese „The Wolf of Wall Street“ belegt, in dem er jene arrogante Schicht von Reichen porträtiert, die heute (leider) die USA regiert. – Was nun „Silence“ betrifft: Das zentrale Thema ist geblieben, der „ewige Kampf zwischen Glauben und Zweifeln“, wie es Scorsese ausdrückt. Auch eine Judasfigur, die im Zwiespalt des Verrats und der Reue gefangen ist, wie sie in so vielen Filmen von Scorsese vorkommt, spielt eine zentrale Rolle. Der Stil, in dem die Geschichte erzählt wird, überrascht allerdings.
Zwiespalt spürbar
1640 brechen Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garrpe (Adam Driver), zwei Priester des Jesuitenordens, aus Portugal nach Japan auf, um ihren Mentor Christóvão Ferreira (Liam Neeson) zu suchen, der seit längerer Zeit verschwunden ist und verdächtigt wird, dem christlichen Glauben abgeschworen zu haben. So wie die großen Dschungelfilme der Filmgeschichte, „Apocalypse Now“ oder „Aguirre, der Zorn Gottes“, entwickelt sich auch „Silence“ zu einer Reise ins „Herz der Finsternis“, in der die Glaubensüberzeugungen von Rodrigues, auf dessen Leidensweg Scorsese seinen Fokus legt, einer lebensbedrohlichen Belastungsprobe unterworfen werden. Die japanischen Herrscher widersetzen sich mit allen nur erdenklichen Foltermethoden den Christianisierungsversuchen der Jesuiten. Rodrigues überkommen angesichts der Gewalt, die den sich zum Christentum bekennenden Bauern angetan wird, immer mehr Zweifel an der Botschaft Christi.
Man könnte nun meinen, dass Scorsese die imposante Landschaft (der Film wurde in Taiwan gedreht), die Gräueltaten von Inoues Schergen und den Leidensweg des Priesters episch kolossal umsetzt, die 161 Minuten Länge würden auch dafür sprechen, doch dem ist nicht so. Er verzichtet gänzlich auf musikalische Untermalung, die Bilder von Rodrigo Prieto wirken nie ästhetisierend, sondern eher das trostlose Regenwetter unterstreichend, die Ausstattung (Dante Ferretti) ist mit Liebe zum Detail gestaltet, aber nie pompös und visuell aufdringlich. „Silence“ bedient sich einer reduzierten Optik, die den Zwiespalt, in dem sich der Protagonist befindet, bestens wiedergibt. Ein Schwachpunkt ist allerdings Andrew Garfield, dessen Performance viel zu sehr einer leidenden Jesus-Figur angelehnt ist.