„Nicht nur Theologie, sondern spirituelle Orientierung“
Am 16. April wird der emeritierte Papst Benedikt XVI. 90 Jahre alt. Er lebt zurückgezogen im Vatikan, seine einstige öffentliche Tätigkeit ist bekannt. Doch wer ist der Mensch Joseph Ratzinger? Monsignore Michael Hofmann war sein Student und hat ihn vor seinem Aufstieg kennengelernt. Im Interview erzählt er über seinen einstigen Professor.
Sie haben bei Professor Ratzinger in Regensburg Ihre Doktorarbeit geschrieben. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Michael Hofmann: Im Kreis seiner Studierenden wurde niemand mit seinem Thema alleingelassen, sondern alle nahmen Anteil an der Arbeit des Einzelnen. Bei Studientagen und Studienwochenenden hat Professor Ratzinger die Möglichkeit geschaffen, ohne Druck Zeit miteinander zu verbringen und zu diskutieren. Dazu hat er Referenten eingeladen, auch evangelische Theologen, sodass der Horizont über Regensburg und die katholische Theologie hinaus geweitet wurde. Es war eine recht gelöste Atmosphäre.
Er hat für Sie auch ein lustiges Gedicht verfasst ...
Hofmann: Als ich mich für meine Doktorarbeit durch 4000 lateinische Seiten des Theologen Denis Petau durchgearbeitet hatte, wollte ich das feiern. Wer mitfeiern wollte, musste ein lustiges Gedicht mitbringen. Dem hat sich auch Professor Ratzinger nicht entzogen. Die humorige Aufgabe hat er übrigens bravourös gemeistert.
Ihr prägender Eindruck von Joseph Ratzinger stammt aus der Zeit, bevor er in der Kirchenhierarchie aufgestiegen ist und Erzbischof, Kardinal, Präfekt der Glaubenskongregation sowie Papst wurde. Macht das nicht einen Unterschied?
Hofmann: Ich würde da keinen so großen Bruch sehen. Mein Eindruck war eher, dass er im Papstamt sehr gelöst auf die Menschen zuging. Das hatte nichts von der Steifheit und Reserviertheit eines Professors. Man muss aber schon sagen, dass Joseph Ratzinger auch als Professor seelsorglich tätig war und zum Beispiel sonntags in der Filialkirche St. Johannes in Pentling mit der Gemeinde Gottesdienst gefeiert hat. Auch bei den Gottesdiensten im Kreise der Studenten haben wir gemerkt: Was er uns sagt, ist nicht nur Theologie, sondern eine spirituelle Orientierung, ein geistliches Wort.
Das Papstamt hat ihn also verändert?
Hofmann: Ich habe einmal den Ausspruch gehört, Joseph Ratzinger sei „vom Hirtenhund zum Hirten“ geworden. Wir haben ihn im Schülerkreis selbst einmal gefragt, wie er das sieht. Er hat geantwortet: „Meine Aufgabe in der Glaubenskongregation war eine andere als die Aufgabe im Papstamt.“
Sie sagen, Benedikt XVI. wirkte als Papst, gelöst. Aber bedeutet das nicht, dass ihn die Auseinandersetzungen in der Glaubenskongregation mehr belastet haben, als man vermutet hat?
Hofmann: Er ist nicht der Mann, der sich durch die Last des Amtes kleinkriegen lässt. Im Übrigen hatte er ja auch als Papst schwere Entscheidungen zu treffen. Denken wir zum Beispiel an die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe aus der Piusbruderschaft oder die generelle Erlaubnis für die „alte Messe“. Auch da hat er den Menschen schwierige Brocken zugemutet.
Was motivierte ihn, sich das anzutun und sich als Glaubenspräfekt und als Papst derart der Kritik auszusetzen?
Hofmann: Ich denke, es ist eine große Bereitschaft, der Kirche zu dienen. Deshalb hat er „ja“ zu den Aufgaben gesagt. Er ist ein Mann, der nie an seiner Karriere gestrickt hat. Solche Leute soll es ja in der Kirche geben. Joseph Ratzinger wäre sicher gerne Theologieprofessor geblieben. Damit wäre er glücklich gewesen, und er hätte nicht die Last in der Glaubenskongregation und im Papstamt tragen müssen. Es ging ihm um das Dienen. Für mich hat er diesen Dienst in überzeugender Weise geleistet – trotz mancher Unkenrufe.
Apropos Unkenrufe: Wie haben Sie die vielfache öffentliche Kritik an Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. empfunden?
Hofmann: Man hat doch stets auf irgendwelchen Dingen herumgehackt, aber nie das jeweils gesamte Problem gesehen. Aussagen von ihm wurden nur in Auszügen wahrgenommen. Daraus hat man versucht, ihm manchen Strick zu drehen.
Nehmen wir wieder als Beispiel das Entgegenkommen gegenüber den Piusbrüdern: Davon, dass einer davon ein Holocaustleugner war, hat der Papst nichts gewusst. Und wenn es hieß, er sei dieser Gruppe zu stark entgegengekommen, wird ausgeblendet, dass kein Papst in die Geschichte eingehen will als jemand, der nicht das Äußerste getan hat, um eine Kirchenspaltung zu verhindern oder zu heilen.
Wann haben Sie den emeritierten Papst zuletzt gesehen?
Hofmann: Durch viele Jahre hat er noch als Papst an den jährlichen Treffen seiner Schüler teilgenommen oder Gottesdienst mit ihnen gefeiert, im Vorjahr nicht mehr. Aber während des letzten Treffens im August 2016 habe ich ihn im Vatikan besucht. Es war ein Gespräch in einer Runde über Gott und die Welt. Er hat leise gesprochen, man merkt, dass er ein älterer Herr ist. Geistig aber war er – wie eh und je – voll da.
Wann hoffen Sie, ihn wiederzusehen? Hofmann: Ich weiß nicht, ob es diesen Sommer wieder eine Begegnung mit Schülern geben wird. Das wird sicher auch von seiner Tagesform abhängen, in diesem Alter ist ja kein Tag wie der andere. Ich würde es dem emeritierten Papst nicht übelnehmen, wenn er sagt: Belassen wir es mit den bisherigen Treffen und behalten wir die in guter Erinnerung. «
Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI. wurde am 16. April 1927 in Marktl am Inn (Bayern) geboren. Wie sein Bruder Georg fühlte er sich zum Priesteramt berufen, musste aber im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenhelfer dienen. Nach dem Krieg studierte er Theologie, wurde 1951 zum Priester geweiht und lehrte Dogmatik und Fundamentaltheologie in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Am Zweiten Vatikanischen Konzil wirkte er als Theologe mit. 1977 wurde er Erzbischof von München und Kardinal. 1981 berief ihn Papst Johannes Paul II. als Präfekten in die Glaubenskongregation in Rom. Nach dessen Tod wurde Ratzinger am 19. April 2005 zum Papst gewählt. Er verzichtete mit Wirksamkeit vom 28. Februar 2013 auf das Amt und lebt heute zurückgezogen in einem ehemaligen Kloster im Vatikan. Seinen 90. Geburtstag wird er am Montag im kleinen Kreis mit Gästen aus Bayern feiern.
Joseph Ratzinger und Ostern
Der 90. Geburtstag des emeritierten Papstes Benedikt XVI. fällt auf den Ostersonntag. 90 Jahre zuvor, am 16. April 1927, wurde er am Karsamstag geboren. An diesem Tag wurde der Sohn des Gendarmeriebeamten Josef und der Handwerkertochter Maria Ratzinger in Marktl am Inn auch getauft – mit dem nach damaligem Ritus bereits geweihten Taufwasser. Weder an seiner sehr gläubigen Familie noch an ihm selbst ging dieser Umstand spurlos vorbei: „Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein“, schrieb Ratzinger in dem autobiografischen Buch „Aus meinem Leben“.
Erwartung. Freilich wäre es nicht der Theologe Joseph Ratzinger, wenn ihm nicht zum Tag seiner Geburt etwas aufgefallen wäre: Es war 1927 eben noch nicht Ostersonntag, als er geboren und getauft wurde. „Aber je länger ich nachdenke, desto mehr scheint mir das dem Wesen unseres menschlichen Lebens gemäß zu sein, das noch auf Ostern wartet, noch nicht im vollen Licht steht, aber doch vertrauensvoll darauf zugeht.“ 2012 hat es der Papst noch deutlicher formuliert: Der Karsamstag sei „der Tag des Schweigens Gottes, der scheinbaren Abwesenheit, des Todes Gottes und doch der Tag, an dem die Auferstehung sich ankündigte“. Mit der Auferstehung Jesu, heißt es in einer anderen Predigt, sei „das Licht selbst neu geschaffen. Er zieht uns alle nach in das neue Leben der Auferstehung hinein und besiegt alles Dunkel. Er ist der neue Tag Gottes, der uns allen gilt.“ Und warum? Weil Jesu Liebe stärker ist als der Tod, wie 1967 der Theologe Ratzinger in seiner „Einführung in das Christentum“ schrieb. Damit war die Liebe schon lange vor der Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe) ein wichtiger Begriff im Denken Joseph Ratzingers. «