„Positives Wirken der Kirche wird nicht mehr wahrgenommen“
Glauben – oder nicht glauben? Der Atheismus ist längst zur zweitgrößten „Konfession“ in Österreich geworden. Warum er Atheismus nicht automatisch mit Sünde gleichsetzt und wieso er gezielt den Dialog mit Zweiflern sucht, erklärt Abt Martin Felhofer.
Nach Prof. Paul Zulehner steigt der Atheismus gerade am Land stark an. Ist das im als religiös geltenden Oberen Mühlviertel zu bemerken? Abt Martin Felhofer: Meiner Beobachtung nach muss ich diesen Trend bestätigen. Er zeigt sich zunächst als ein Fernbleiben von der Kirche besonders bei der Jugend und jungen Familien.
Was sind die Gründe? Felhofer: Sicherlich spielen kirchliche Vorgänge und auch – wie schon das Konzil sagt – die Schuld der Gläubigen sowie der Kirche eine Rolle. Für viele ehemalige Kirchgänger hat sich der Blick auf die Kirche als eine moralische Institution eingeengt. So wird das positive Wirken der Kirche in Spitälern, Schulen, sozialkaritativen Einrichtungen, Pfarren und Klöstern nicht mehr wahrgenommen. Was spricht für den Dialog mit Atheisten? Felhofer: Es ist ein Auftrag des Zweiten Vatikanums. Auch die Urkirche stand schon im Dialog mit den Strömungen der damaligen Zeit und ist sich damit auch klar geworden, wofür sie steht. Nirgends wird sichtbarer, wofür mein Glaube steht, welches Gottesbild ich habe und warum es wert ist, ihn zu bezeugen und dafür einzutreten – als in der Auseinandersetzung mit Menschen, bei denen nahezu alle religiösen Selbstverständlichkeiten weggeschmolzen sind. Die Einladung zum Dialog deckt sich auch mit dem Anliegen von Papst Franziskus, der erst am 13. September in einem offenen Brief an die Nichtglaubenden zu neuem Dialog zwischen katholischer Kirche, Atheisten und Zweifelnden ermutigt hat.
Was erwarten Sie sich persönlich davon? Felhofer: Ein Hören aufeinander. Oft lerne ich im Gespräch mit Andersdenkenden, wo Reibungsflächen sind, an denen sich die Gottes- und Religionskritik entzündet. Auch die Defizite in der Vermittlung des Glaubens werden oft sichtbar. Ich erhoffe natürlich auch bei den Atheisten, dass Feindbilder einer Prüfung unterzogen werden und dass auf diese Weise auf beiden Seiten Neues gesehen oder Verschüttetes freigelegt werden kann.
Atheist zu sein war früher mit „schwerer Sünde“ verknüpft. Zu Recht? Oder hat sich etwas geändert? Felhofer: Wenn jemand zur Erkenntnis kommt, dass er sich von Gott getrennt hat, ist es nach katholischem Verständnis „Sünde“ – ausgehend vom ersten Gebot: „Du sollst an Gott glauben!“ Papst Franziskus sagt aber mit Recht in seinem Brief, dass der Glaube an Gott letztlich eine Gewissensentscheidung jedes Einzelnen ist. Gott verzeiht auch jenen, die nicht an ihn glauben, wenn sie damit ihrem Gewissen folgten. Wer jedoch nicht seinem Gewissen folgt, macht sich der Sünde schuldig – unabhängig davon, ob er glaubt oder nicht.
Was bedeutet die steigende Zahl der Religionslosen für die Seelsorge? Felhofer: Wichtig ist ein ehrliches und verständnisvolles Zugehen auf die Menschen und ihre Sorgen, Zweifel und Nöte, wie wir es am Beispiel Jesu sehr überzeugend sehen können. Auch darin ist Papst Franziskus ein Wegweiser. Er lebt als Papst das, was er im Vorkonklave gesagt hat: „Die Kirche muss aus sich selbst heraustreten und zu den Rändern gehen, nicht allein in einem geografischen Sinn, sondern zu den existenziellen Rändern: denen des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, des Lebens ohne Religion – bis an die Grenzen des Denkens und allen Elends.“
Zum Thema
Dialog Stift Schlägl
Etwa eine Million Österreicher/-innen sind „ohne religiöses Bekenntnis“ in der Statistik geführt. Rund 5 Prozent davon verstehen sich ausdrücklich als „Atheisten“. Im Rahmen der Reihe „Dialog Stift Schlägl“ geht es am Dienstag, 24. September um das Gespräch zwischen Atheismus und Christentum. Der Wiener Philosoph DDr. Peter Kampits diskutiert dabei mit dem Linzer Professor für Dogmatik Dr. Franz Gruber. Die Diskussion wird von „Der Standard“-Chefredakteurin Dr. Alexandra Föderl-Schmid moderiert. Zur Veranstaltung laden Stift Schlägl, Kath.-Theol. Privatuniversität Linz, die KirchenZeitung und „Der Standard“ ein.
Di., 24. September, 17.30 Uhr: Vesper in der Stiftskirche. Das Gespräch beginnt um 18 Uhr in der Stiftsbibliothek.