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Psychologie

Psychotherapeut Viktor Frankl, mein Großvater

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Der Psychotherapeut und Filmproduzent Alexander Vesely hat einiges von seinem bekannten Großvater Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, mitbekommen. 

Ausgabe: 16/2023
18.04.2023
- Monika Slouk
Alexander Vesely in einem Hörsaal der Universität Wien. Vesely (geb. 1974) ist Psychotherapeut und Filmproduzent sowie Vorstandsmitglied im Viktor Frankl Institut.
Alexander Vesely in einem Hörsaal der Universität Wien. Vesely (geb. 1974) ist Psychotherapeut und Filmproduzent sowie Vorstandsmitglied im Viktor Frankl Institut.
© Slouk

Es gibt einen Unterschied zwischen seelischem Heil und Seelenheil. Und eine Verbindung zwischen Selbsttranszendenz und Selbstvergessenheit. 

 

Herr Vesely, Ihr Großvater war weltweit anerkannter Psychiater und Psychotherapeut und gleichzeitig Familienmensch. Erinnern Sie sich an Ihre letzte Begegnung mit ihm?


Alexander Vesely: Ja, das war rückblickend ein schöner Moment. Es war im Spätsommer 1997 im Haus meiner Eltern in Hütteldorf. Wir sind gemeinsam im Garten gesessen und haben psychotherapeutische Themen besprochen. Dann gab es einen Moment, in dem Stille eintrat. Es war alles besprochen. Da ist mir aufgefallen, dass er etwas nicht gemacht hat, was er sonst eigentlich immer gemacht hat: dass er das Thema gewechselt oder einen Witz erzählt oder irgendwie die Stille gebrochen hätte. Er ist nur so gesessen, zufrieden, müde, und hat kein neues Thema angesprochen. Dieser Moment hat sich für mich so endgültig angefühlt. Ich habe gespürt, dass etwas anders ist als sonst. Es hat mich nicht gewundert, dass er am selben Abend ins Krankenhaus gebracht wurde. Es stellte sich heraus, dass er einen multiplen Infarkt hatte und einen Bypass bekommen sollte. Klaus Ratheiser, der Mann meiner Schwester, war sein behandelnder Arzt und erzählte uns später, dass mein Großvater aus dem Krankenbett mit einem breiten Lächeln gesagt habe: „Die Situation entbehrt der Tragik.“ Er hat sich am wenigsten aufgeregt. Ich bin überzeugt, dass er schon wusste, dass das jetzt das Ende ist. Und dass das okay ist. Er war nicht lebensmüde. Er wollte die Operation, aber man sollte ihn nicht um jeden Preis am Leben erhalten. So ist es auch geschehen. Der Bypass wurde gesetzt, aber sein Kreislauf hat nach ein paar Tagen nicht übernommen. Da war klar: Es ist zu Ende. Dann ist er friedlich eingeschlafen.

 

Eleonore und Viktor Frankl 1976 beim Bergsteigen auf der Rax.
Viktor Frankl mit Tochter Gabriele, Ehefrau Eleonore und den Enkelkindern Katharina und Alexander 1981.
Alexander Vesely mit seiner Schwester Katharina 1993 in Kanada.
Viktor Frankl, USA 1969
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Es ist etwas Besonderes, wenn man einen weltberühmten Großvater hat. Trotzdem will man sich einmal abgrenzen und nicht nur Enkel bleiben. Wie haben Sie das gemacht?


Vesely: Ich hatte den Vorteil, dass ich den Namen Vesely trage. Die wenigsten wussten, wer mein Großvater ist. Außerdem war Viktor Frankl in meiner Jugend in Österreich nicht so bekannt. Er war zwar immer wieder präsent im Fernsehen, aber nur wenige haben die Tragweite seines Werks verstanden. Von Hademar Bankhofer und Kräuterpfarrer Weidinger bekommt man Gesundheitstipps, und der Frankl redet halt über den Sinn – so etwa war die Wahrnehmung. Dass er im Ausland hochgeschätzt wurde, war nicht unbedingt bekannt in Österreich. Das Gute daran war: Ich bin nie mit dem Gefühl aufgewachsen, dass es etwas Wichtiges gibt, was ich vertreten muss oder was von mir erwartet wird. Das wäre heute vielleicht anders. Damals, in der Phase, wo man den eigenen Weg finden muss, war das kein Aspekt.


Was ist der größte Schatz, den Sie von Ihrem Großvater mitbekommen haben?

 

Vesely: Er sagte immer: Man kann nur ein Vorbild sein und hoffen, dass man damit andere inspiriert. Das ist die beste Art, etwas weiterzugeben – indem man es lebt. So habe ich viel mitbekommen. Dass er zum Beispiel immer auf der Suche nach Wahrheit war und nicht scheute, sie anzusprechen. Auch wenn die Konsequenzen davon nicht unbedingt angenehm waren. Er sagte einmal zu mir: Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist mein Gewissen und mein Gott. Was soll man auch jemandem, der das durchgemacht hat, was er durchgemacht hat, noch antun können. Wenn jemand einen negativen Artikel über seine Arbeit schrieb, hat ihn das nicht viel gekostet. Vielleicht hat es ihn einmal gekränkt, aber dann hat er immer gesagt: Ich sage, was ich zu sagen habe. Und er hatte halt die wunderbare Begabung, das schön in Worte zu fassen, sodass es jeder versteht.
Ein besonderer Moment war, als wir einmal am Telefon über den Glauben gesprochen haben. Aus der Situation heraus habe ich mich bemüßigt gefühlt, ihm zu sagen: Ich glaube! Wie er darauf reagiert hat, fand ich sehr schön. Er sagte: Ja, das glaube ich dir. Kein Wort in Richtung: Ich finde das gut, ich finde das schlecht, ich erwarte von dir das oder jenes. Sondern wirklich nur ein sehr vertrauensvolles Begrüßen, dass ich mich diesen Fragen stelle und eine Entscheidung gefunden habe. Das fand ich bezeichnend.

 

Haben Sie von seiner Lehre mehr an der Uni oder mehr im Wohnzimmer gelernt?


Vesely: Einerseits im Archivzimmer, und andererseits habe ich Logotherapie bei Elisabeth Lukas studiert, seiner brillanten Schülerin, die die ganze Lehre lehrbarer gemacht hat. Sie hat sie systematisiert. Und Erweiterungen eingebracht, die sie noch mit ihm abstimmen konnte. Er war froh darüber und meinte: Toll, darauf wäre ich nicht gekommen! Das wird am Elisabeth-Lukas-Archiv unterrichtet, wo ich auch mitarbeite. Ich musste es also lernen wie alle anderen auch, vielleicht mit dem Vorteil, dass ich so viel gehört hatte. Dadurch, dass er seine Lehre wirklich gelebt hat, war nichts dabei, was herausgefallen wäre. Im Gegenteil: Ich habe ihn noch besser verstanden durch seine Schriften. 

 

In der Logotherapie spielt Sinnfindung eine wesentliche Rolle. Die Frage nach dem Sinn wurde in der Menschheitsgeschichte hauptsächlich religiös beantwortet. In welchem Verhältnis stand Viktor Frankl zur Religion? 


Vesely: Er als Psychiater sagte: Ich versuche die menschliche Existenz in all ihren Aspekten zu beschreiben. Das ist Existenzanalyse. Darauf baut in der praktischen Anwendung die Logotherapie auf. Dazu gehören Transzendenz und Selbsttranszendenz – die Fähigkeit, sich selbstvergessen einem größeren Ganzen zu widmen. Frankl sagt, Religiosität kann man objektiv feststellen, sie ist im Menschen angelegt, ein Phänomen, das sich nicht auf einen Überlebenstrieb reduzieren lässt. Das kann ich als Psychiater beschreiben. Sinn kann ich auch beschreiben. Aber wo dieser herkommt – ob es sozusagen einen Sinngeber dahinter gibt, das ist eine Frage der Theologie. Wenn ich mich da hineinbegebe, verlasse ich das Feld der Psychiatrie. Das kann ich als Psychiater nicht machen. Frankl hat einmal gesagt: Meine Aufgabe ist das seelische Heil. Seelenheil hingegen ist Aufgabe des Priesters. Ich finde, das Schöne an der Logotherapie ist, dass sie eben nicht behauptet, Religiosität sei eine Neurose. Die Logotherapie hat, wie Frankl so schön sagt, eine Tür zur Religiosität, und die ist offen. Wir als Therapeut:innen bleiben aber an der Schwelle stehen. Wenn es um religiöse Inhalte geht, sind andere gefragt.

 

 

 

GUT ZU WISSEN

 

Viktor E. Frankl (geb. 1905) war Psychiater und (nach S. Freud und A. Adler) Begründer der „Dritten Wiener Schule der Psychotherapie“. Er entwickelte die Existenzanalyse und als dazugehörige Therapieform die Logotherapie. Die Sinnfindung gilt als wichtigste Quelle der Lebenskraft. Viktor Frankl wuchs in einer jüdischen Wiener Familie auf, blieb während des Nationalsozialismus freiwillig in Wien, überlebte mehrere Konzentrationslager und begann nach 1945 wieder als Psychiater in Wien zu wirken. Mit seiner zweiten Frau Elly (seine erste Frau und ihr ungeborenes Kind hatte er in der NS-Zeit verloren) bildete er bis zu seinem Tod eine Lebens-, Arbeits- und Freizeitgemeinschaft. Ihre Tochter Gabriele wurde Psychotherapeutin und hat mit ihrem Mann, dem Physiker Franz Vesely, zwei Kinder: Alexander und Katharina.

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