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„Ich bin aufgewachsen im Niemandsland“

Gesellschaft & Soziales

Das Schweigen über den Nationalsozialismus ist ein drückende Last. Für Nachkommen von Tätern ebenso wie für die von Opfern. In der Gruppe „TheAustrianEncounter“ brechen Betroffene das Schweigen. 
 

Ausgabe: 34/2019
20.08.2019
- Josef Wallner
© KiZ/JW

Die Eltern von Lydia M. – sie waren Juden – sind in Wien geboren, konnten vor den Nationalsozialisten in die Schweiz fliehen und gingen nach Kriegsende weiter in die USA. Dort haben sie aber nicht Fuß gefasst. Also führte sie ihr Weg zurück nach Wien. „Ich bin im Bewusstsein aufgewachsen, dass die Umwelt sehr gefährlich ist. Dass alle um uns herum Nazis sind“, erzählt Lydia. Da der überwiegende Teil ihrer Familie Opfer des NS-Regimes geworden war, hatte sie kaum Verwandte, die ihr einen Raum der Sicherheit hätten bieten können. „Ich hatte nur eine sehr reduzierte Familie, ich fühlte, dass ich im Niemandsland leben würde“, meint Lydia M. Sie kommt seit Jahren zu den jährlichen Begegnungswochen von „TheAustrianEncounter“. 
Zehn Teilnehmer/innen sind in Engelhartszell beisammen, wo sich die Gruppe heuer trifft. „Das Schöne ist, dass man hier über Dinge reden kann, die im Alltag keinen Platz haben“, betont Dominique K. Ihre Mutter ist Österreicherin, der Vater war einst französischer Besatzungssoldat, mütterlicherseits eng mit dem Nationalsozialismus verbunden. Der Großonkel war sogar Gauärzteführer von Kärnten. Die sich daraus ergebenden Spannungen sind zum Greifen nahe. „Wen interessiert meine komplizierte Herkunft, die doch so prägend ist?“ In der Gruppe hat ihre Lebensgeschichte Platz. Das Erzählen hilft, ist ihre Erfahrung. Eleonore F. nickt. Die Wienerin ist eine Nachkommin von Tätern, der Vater war ab 1931 Nationalsozialist, in seinem Rüstungsbetrieb hatte er Zwangsarbeiter beschäftigt. Die Mutter – im 2. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen – will die Drangsalierung der jüdischen Nachbarn nicht bemerkt haben. „Der Vater war am und über das Lebensende sehr verzweifelt und hat uns das spüren lassen“, erzählt sie. Täglich hören die Teilnehmer/innen an diesem Treffen einander mehrere Stunden lang zu. Die Grundlagen dieser Art von Begegnung finden sich in der Arbeit des israelischen Psychologen Dan Bar-On, der auch den Gruppenmoderator Samson Munn begeistert hat. „Ich möchte weitergeben, was mir Dan geschenkt hat.“ 
Er kommt deswegen jährlich nach Österreich, weil auch er als Kind von Holocaust-Überlebenden vom Austausch profitiert: „Ich wachse an den Begegnungen, und das tut mir gut.“ «  

 

Bildtext: Samson Munn (3. von links) ist das Kind von Holocaust-Überlebenden und von Beruf Facharzt für Radiologie in Los Angeles. Der jüdische US-Amerikaner hat die „Österreichische Begegnungsgruppe“ gegründet und leitet sie seit 1995. Er kommt dazu jährlich für eine Woche aus den USA nach Österreich. Am diesjährigen Treffen nahm auch Andreas Paul (rechts) teil. Der Krankenhausseelsorger in der Diözese Linz hat jüdische Wurzeln.  

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