Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
Bruder David Steindl-Rast feiert seinen 100. Geburtstag am 12. Juli in guter Verfassung. 100 Jahre sind auch für Ordensmänner ein hohes Alter. Aber im Durchschnitt haben Ordensmänner tatsächlich eine höhere Lebenserwartung als andere. Dieses Phänomen erforscht der Demographie-Experte Marc Luy von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit seinem Team in der „Klosterstudie“.
Für Mädchen, die 2025 geboren wurden, errechnet die Statistik Austria eine durchschnittliche Lebenserwartung von 84,6 Jahren. Für Buben desselben Jahrgangs sind es um 4,45 Jahre weniger, nämlich 80,15 Jahre. Doch dieser Unterschied müsste nicht sein. Dass Männer im Allgemeinen jünger sterben als Frauen, liegt stärker am Lebensstil als an genetischen Faktoren. Die gute Nachricht dabei ist: Wie alt wir werden, ist nicht nur Schicksal, sondern liegt zu einem guten Teil in der eigenen Hand. Der Haken: Man muss etwas tun dafür. Und: Den einen einzigen Faktor für Langlebigkeit gibt es nicht. „Es gibt kein einfaches Rezept für ein langes Leben, wie täglich einen Apfel oder drei Tomaten essen“, erklärt der Demographie-Forscher Marc Luy, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Gesundheit und Lebenserwartung beschäftigt. „Es ist ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Dingen.“
Marc Luy treibt diese Frage seit vielen Jahren um. Bereits als Student hat ihn das Thema nicht losgelassen, warum Männer früher sterben als Frauen. Dabei ist er auf die Studie eines Mönchs in den USA gestoßen, der sich bereits rund um 1900 mit der Frage beschäftigt hatte. Bei Ordensleuten, so die verblüffende Erkenntnis, gibt es diesen Unterschied kaum. Während das durchschnittliche Sterbealter von Ordensfrauen und anderen Frauen gleich hoch ist, leben Ordensmänner länger als andere. Anders formuliert: Unter Ordensleuten gibt es fast keinen „Gender Gap“, der bedeutet, dass Männer jünger sterben als Frauen.
Marc Luy wollte der Sache auf den Grund gehen. So begann er, bereits für seine Diplomarbeit Daten zu sammeln, zu vergleichen und auszuwerten. Dass seine Mutter als Erzieherin in einem Klosterinternat tätig war und er in diesem Kloster mit der Datenerhebung beginnen durfte, erleichterte ihm den Einstieg in die Ordensforschung. Schritt für Schritt erweiterte er das Feld. „Wenn man zu einer Frage forscht, tun sich immer weitere Fragen auf“, erzählt der Professor aus dem Forschungsalltag.
Was führt nun dazu, dass Ordensmänner länger leben? Aus dem Bündel an Faktoren, die immer noch erforscht werden, greift Marc Luy einige wesentliche heraus. Das Leben in Gemeinschaft, der geregelte Tagesablauf mit Arbeits- und Gebetszeiten und eine klare Mission gehören dazu. „In einer Ordensgemeinschaft gibt es zum Beispiel jemanden, der für die Ernährung zuständig ist“, nennt Marc Luy einen Aspekt. So bewirkt das Gemeinschaftsleben im Großen und Ganzen einen regelmäßigeren, gesünderen Lebensstil. Dadurch gibt es im Durchschnitt weniger Raucher oder Suchtprobleme. „Die gibt es schon auch in den Orden, aber in geringerem Ausmaß als außerhalb“, beschreibt Luy eine Komponente. In einer Gemeinschaft falle es außerdem früher auf, wenn jemand „abgleitet“. Ordensleute profitieren so bezüglich Lebenserwartung von den gleichen positiven Aspekten des Gemeinschaftslebens wie Verheiratete.
Ein geregelter Tagesablauf reduziert Stress. Auch wenn im Ordensleben nicht alles perfekt läuft, ist es grob gesagt ruhiger. Der Glaube gibt grundlegende Stabilität und Sicherheit. Eine klare Aufgabe motiviert. Gebet und Meditation haben positive Auswirkungen auf die mentale und körperliche Gesundheit. Es sind ähnliche Parameter, die man auch in den „Blue Zones“ dieser Welt beobachten kann. Das sind Gegenden, in denen überdurchschnittlich viele Menschen 100 Jahre alt werden.
Marc Luy hat einige dieser Lebensweisheiten auch selbst für sich entdeckt. Als er vor einigen Jahren in einer Burnout-Krise steckte, in der er „viel zu viel zu tun hatte und nichts weiterging“, hat er hart an sich gearbeitet und viel darüber gelesen. „Ich habe begonnen zu unterscheiden, was wichtig und was dringend ist. Vorher war ich immer mit dringenden Dingen beschäftigt und bin nicht mehr zum Wichtigen gekommen.“ Er formulierte für sich Ziele, regelte seine Arbeitszeiten. „Bis 11 Uhr konzentriere ich mich zum Beispiel auf die Arbeit, ohne den Maileingang zu öffnen. Danach gibt es eine Stunde nur für Mails.“ Außerdem nimmt er sich Zeit zur Meditation. Er erkennt darin Parallelen zum Ordensalltag, in dem die Zeit auch strukturiert ist.
„Longevity“ (sprich: Lonschewiti) ist nicht nur das englische Wort für Langlebigkeit, sondern auch ein teils teurer Trend. Das Ziel ist, möglichst lange möglichst gesund zu bleiben und zu diesem Zweck den Lebensstil zu optimieren. Dafür gibt es unterstützende Produkte zu kaufen, die ins Geld gehen können. Langlebigkeitsforscher Marc Luy meint auf die Frage, was er davon hält: dass die Erkenntnis wichtig sei, wie viel man selbst in der Hand hat in Bezug auf die eigene Gesundheit. Über die teuren High-Tech-Angebote könne er noch wenig sagen, dazu gebe es noch relativ wenige wissenschaftliche Erkenntnisse.
Zwei große Unterschiede sieht Professor Luy im Vergleich zum Ordensleben: „Ordensleute pflegen ihren Lebensstil nicht, um länger zu leben. Das ist eher ein Nebeneffekt.“ Und was seine Forschung auch ergeben hat, ist, dass am allermeisten die Ordensmänner mit niedriger Bildung vom Ordensleben „profitieren“. Denn in der Allgemeinbevölkerung gibt es einen deutlichen Unterschied in der Sterblichkeit der sozialen Schichten. Höhergebildete haben eine höhere Lebenserwartung. „Diese Unterschiede fallen bei Ordensleuten völlig weg.“
Diesen Effekt hat der Longevity-Trend hingegen nicht. Denn er wird von Personen gepflegt, die „es sich leisten können“, also vor allem von jenen, die ohnehin schon eine bessere Gesundheit und höhere Lebenserwartung haben. Er erreicht daher „wahrscheinlich nicht die, die es eigentlich am dringendsten bräuchten“ – und die auch am meisten dazu beitragen könnten, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern und Frauen angleicht. Dennoch kann der Trend einiges bewirken. „Um den Lebensstil zu verändern, braucht es Disziplin“, resümiert der Langlebigkeitsforscher. „Wer viel Geld für etwas ausgibt, bleibt möglicherweise disziplinierter.“ Und wenn sich grundsätzlich die Erkenntnis verbreitet, dass der eigene Lebensstil die Lebenserwartung und Lebensqualität entscheidend beeinflusst, dann sei auch viel gewonnen. Diese Einsicht entspricht den Forschungsergebnissen der Klosterstudie von Marc Luy und seinem Team.
Die „Deutsch-Österreichische Klosterstudie“ hat ihre Wurzeln in der Diplomarbeit des heutigen Wiener Demographie-Professors Marc Luy. Er erarbeitete sie in den Jahren 1996 bis 1998 in Bamberg zum Thema „Die Mortalität in bayerischen Frauen- und Männerklöstern im Zeitraum 1910–1985“.
Seit 2010 wird die Langlebigkeits-Forschung der Klosterstudie auf die gesamte Gesundheit ausgeweitet.
www.klosterstudie.at
Zum Foto: Der Benediktiner und Dankbarkeitslehrer Bruder David
Steindl-Rast (im Bild mit Prior Bruder Thomas Hessler OSB) begeht am 12. Juli
den 100. Geburtstag.
Dass Ordensmänner im Durchschnitt älter werden als andere Männer, belegt die Klosterstudie des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
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