Menschen sind Beziehungswesen, betont der deutsche Arzt, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Joachim Bauer. Seine Sicht der Dinge ist optimistisch: Der Mensch kooperiere von Natur aus.
Der Mensch braucht das Miteinander, sagen Sie. Unser Wirtschaftssystem aber baut auf Konkurrenz. Wird es scheitern? Dr. Joachim Bauer: Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen den Prinzipien eines freien marktwirtschaftlichen Systems und einer sozial gerechten Gesellschaftsordnung. Wir leben auf einem Globus knapper Ressourcen, was bedeutet, dass wir den Wettbewerb brauchen, um für ein menschenwürdiges Leben die effizientesten und die Umwelt am besten schonenden Lösungen zu finden. Andererseits ist der Mensch nicht für einen permanenten Kampf aller gegen alle gemacht. Menschen brauchen, um gesund zu bleiben, ein Minimum an Sicherheit und sozialem Frieden.
Egoisten setzen sich durch – im Straßenverkehr, an der Supermarktkassa, im Berufsleben. Laufen sie auf diese Weise dem Glück davon? Bauer: Es ist vor allem die Angst, nicht genug zu bekommen und benachteiligt zu werden, die Menschen zu Egoisten werden lässt. Egoisten sind Menschen, die keine Gelassenheit, keine innere Souveränität besitzen und sich sozusagen im permanenten Kampfmodus befinden. So zu leben ist nicht nur anstrengend, es bringt einem vor allem keine Freunde ein. Egoisten machen sich selbst zu einsamen Menschen.
Schon in der Schule lernen wir, besser, schneller, erfolgreicher als andere zu sein. Müsste die Schule nicht dieses Miteinander fördern? Bauer: Sehr wohl! Kinder sollen so gut wie möglich individuell gefördert, aber auch ermutigt werden sich anzustrengen. Dazu ist es aber nicht notwendig, Kinder und Jugendliche in einen darwinistischen Konkurrenzkampf hineinzutreiben. Das macht Kinder, Lehrer und die Eltern krank. Schulen müssen zu Lebensräumen werden, in denen mit möglichst viel Freude gelehrt und gelernt wird.
Es heißt, das Hemd sei einem näher als der Rock. Müssen wir diesen Spruch umwandeln: Wichtig ist, dass alle ein Hemd haben, nicht dass ich ein besonderes habe? Bauer: Im Prinzip ja. Welchem Menschen würde das Essen schmecken, wenn er von anderen umgeben ist, die hungern? Aber es gibt auch keine Pflicht, sich von anderen ausnützen zu lassen.
Was sind die schlimmsten Störmanöver, die Menschen immer tiefer in ein Konkurrenz-Verhalten treiben? Bauer: Schlimm ist vor allem alles, was Misstrauen und Angst erzeugt, sei es zwischen Menschen oder zwischen Staaten. Egal ob in der Familien, im Betrieb oder in der großen Politik: Streit und Konflikte entstehen vor allem durch Intrigen, durch Stimmungsmache, durch Falschinformationen im Kleinen oder durch Medienkampagnen im Großen.
Vom Glück des Kooperierens
„Denken Sie an die allseitige Freude, wenn der Vater seinem Sohn geholfen hat, das Fahrrad wieder flott zu bekommen. Wenn Ärzte in der Klinik gemeinsam einen Patienten aus einer lebensgefährlichen Situation herausholen. Wenn Rettungstrupps ihre im Bergwerk verschütteten Kollegen retten, manchmal unter Einsatz des eigenen Lebens. Oder wenn eine Krankenschwester einem Patienten geholfen hat. Denken Sie an den Friedensvertrag, der Österreich nach dem Krieg geschenkt wurde, und an die deutsch-französische Freundschaft oder an die seinerzeitige Aussöhnungspolitik mit dem Osten.“ Dr. Joachim Bauer