Polizisten sind hartgesotten, denken viele. Ihr Beruf, der sie mit Gesetzesbrechern und Menschen konfrontiert, die vor nichts und niemandem Respekt haben, bringe das mit sich. Wahr aber und nicht verwunderlich ist: Polizisten gehen Ereignisse nahe und unter die Haut.
Ausgabe: 2013/47, Polizei, Polizist und Mensch, Molden Verlag
19.11.2013
- Ernst Gansinger
Bis zu jenem Einsatz in Amstetten mit tödlichem Ausgang für den Hund Snap im Jahr 2008 galt: Ein Hund an der Seite eines Polizisten erhöht dessen Sicherheit. Dank der Schnelligkeit des Hundes und seiner Stärke kann der Täter eher gefasst werden.
Mit der Schrotflinte
Ein Mann hat an einem Sonntag seine Frau auf dem Heimweg von der Kirche abgepasst und erschossen. Die Cobra wurde gerufen und stellte den Mann im Hof seines Vierkanters. Die Polizisten gingen mit Bedacht vor. Helmut Lenzeder* kam mit seinem achtjährigen belgischen Schäferhund Snap bis auf zehn Meter an den Mann heran, der die Hand an einer Schrotflinte hatte. Als er telefonierte und abgelenkt schien, schickte Lenzeder den Hund vor. In diesem Augenblick stoppte der Täter das Telefonat, bemerkte den Hund und schoss aus nächster Nähe auf ihn. Dann wurde auch der Täter von einem Schuss getroffen und war handlungsunfähig. Der Hund jaulte, kam zum Herrl zurück und wurde immer schwächer. Nach 20 Minuten starb er.
Der ärgste Moment
„Es war der ärgste Moment für mich als Cobra-Beamter“, erzählt Lenzeder. Das bedauernde Schulter-Klopfen der Kollegen war Wertschätzung, aber tröstete nicht. Lenzeder blieb noch vier Stunden am Einsatzort; er wollte den toten Hund nicht allein lassen und kämpfte darum, dass er ihn zum Tierarzt und zur Feststellung der Todesursache mitnehmen konnte. In eine Decke gewickelt brachte er ihn dann zum Tierarzt.
Der tote Hund
Auf der Anfahrt zum Einsatz hat ihn seine Lebensgefährtin angerufen. Er meinte, er rufe bald zurück, er müsse noch zu einem Einsatz. „Das war dann der brutalste Rückruf, als ich sagen musste: Der Hund ist tot. Denn der Hund war wie ein Familienmitglied“, auch wenn er ‚Eigentum‘ der Polizei ist. Wie schlimm war es, an diesem Tag nach Hause zu kommen! Den Kofferraum aufzumachen und kein Hund springt freudig heraus. Er ging zu Bett. „Dann bin ich zusammengebrochen“.
Unbedankte Hilfe
Nahe ging auch dem jetzt in Perg stationierten Josef Hiesböck ein Einsatz, den er im Buch „Polizist und Mensch“ schildert. Er hatte mit einem Kollegen eine Frau, die ihrem Leben ein Ende setzen wollte, in letzter Sekunde gerettet. Die Frau meinte später vorwurfsvoll, sie wäre lieber tot, könne der Polizei für die Rettung nicht dankbar sein. „In mir löste diese Aussage einen ziemlichen Zwiespalt aus. Als junger, motivierter Polizist hatte ich etwas völlig anderes erwartet.“ Viele Jahre sind seither vergangen. Die Frau lebt ein glückliches Leben.
Der absolute Abriss
Aufwühlend waren für Polizist Hiesböck auch jene Momente, als er ein sterbendes Kleinkind zum Rettungshubschrauber brachte und noch eine Nottaufe auf Wunsch der Mutter durchführte. Der Beruf konfrontiert Polizisten oft mit Leid, Trauer und dem Ringen nach Erklärungen. Das war auch für Helmut Lenzeder so. Die Erfahrung des Todes seines Hundes veränderte sein Leben. Zunächst war er am Boden zerstört, fühlte sich verlassen und wie allein auf einem Fußballplatz, von dessen Rängen herab sie alle auf einen schauen. Sport und Leistung waren ihm immer wichtig. „Die Tragik des Hundes war der absolute Abriss.“
Ich kann das nichts mehr machen
Bald bekam er einen neuen Hund. Mitten im zweiten Einsatz nach Snaps Tod wurde Lenzeder klar: Ich kann das nicht mehr machen! Wieder hätte er seinen Hund schicken sollen, einen Täter zu fassen. Das Schicksal Snaps lief wie im Film ab. „Für solche Sondereinsätze brauchst du einen Überhang an Risikobereitschaft. Ich aber war neutralisiert.“ Lenzeder ersuchte um eine andere Aufgabe in der Polizei und stieß bei Vorgesetzten auf ein offenes Ohr. Snap war der erste erschossene Polizeihund in Österreich. Ihre Zahl ist bisher auf drei gestiegen.
* Der Name wurde von der Redaktion geändert
Zugriffshunde
Um Suchtgift oder Sprengstoff zu erschnüffeln und zum Aufspüren von Leichen und Blutspuren sowie zum Fassen von Tätern werden von der Polizei Diensthunde eingesetzt. In Linz sind 27 solcher Hunde stationiert, in Laakirchen 10 und in Ried im Innkreis auch 10. Ein schon besonders ausgewählter Hund hat in Bad Kreuzen im Bundesausbildungszentrum für Diensthunde 15 Wochen Grundausbildung zu absolvieren. Nach der Abschlussprüfung wird der Hund einer Dienststelle zugeteilt.