„Eigentlich ist das gar nicht typisch für uns“, stellt ein Mitglied der Bibelrunde fest, nachdem wir die Bibelstellen des kommenden Sonntags gelesen haben. Und meint damit, daß wir normalerweise nicht von der Bibel, sondern vom Leben ausgehen. Ein Blick auf die Vorgänge in unserer Gesellschaft ist der erste Schritt. Einen Aspekt davon wählen wir aus und überlegen dann, was uns die Bibel dazu zu sagen hat. Wir lesen und analysieren den Bibeltext in der Gruppe. Vielfalt entsteht durch die unterschiedlichen Le-benserfahrungen, die von den Mitgliedern eingebracht werden. Dann kehren wir zum Ausgangspunkt zu-rück. Wir aktualisieren den Bibeltext und berücksichtigen dabei die Veränderungen in der Gesellschaft. Manchmal schreiben wir den Bibeltext neu, als Botschaft für unsere Zeit. So fügen wir der Überlieferung unsere eigenen Gotteserfahrungen an. Die Gesellschaft im BlickWir gehen von unserer Betroffenheit aus, behalten aber den gesellschaftlichen Zusammenhang im Blick. Ähnlich gehen wir mit dem Bibeltext um. Wir suchen die Spuren, die uns Aufschluß geben über die Gesellschaft von damals. Im Evangelium wendet sich Jesus an die, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt sind und andere verachten. Er gibt ihnen ein Beispiel. Er stellt dem Pharisäer den Zöllner gegenüber. Der eine dankt, der andere bittet. Jesus beschreibt die Handlungen des Zöllners genau. Es ist ihm ernst mit seiner Bitte um Gnade. Der Zöllner kehrt als Gerechter zurück. Dieser wird erhöht werden, sagt Jesus zu den Selbstgerechten. Er macht deutlich, wie er Gerechtigkeit versteht. Niemand hat die Gerechtigkeit gepachtet. Sie ist ein Prozeß, das absolut richtige Gesetz gibt es nicht. Gerecht kann auch sein, was gegen das Gesetz verstößt. Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht umgekehrt, ist eine der zentralen Botschaften des Neuen Testaments. „Einen Ausländer aufzunehmen, der illegal hier ist, verstößt zwar gegen das Gesetz, dient aber der Menschlichkeit“, ergänzt eine aus der Runde mit einem Beispiel aus unserer Zeit. Jesus wendet sich gegen die Schräglage in der Gesellschaft, die entsteht, wenn eine Gruppe verachtet wird. Er erteilt denen eine Lehre, die immer wissen, wo’s langgeht. Lob auf Kosten andererJesus kritisiert nicht, daß der Pharisäer mit sich zufrieden ist. Jesus kritisiert, daß sich der Pharisäer über den Zöllner erhebt, daß er meint, besser als der Zöllner zu sein. Es geht nicht darum, das berühmte stinkende Eigenlob anzuprangern oder darum, das Selbstwertgefühl zu mindern. Es geht darum, sich nicht auf Kosten anderer zu loben. Jeder Mensch hat seinen Wert, auch die Verachteten, so die Botschaft Jesu. „Diesmal haben nicht wir die Bibelstellen ausgesucht, aber in jedem Text ging es um Gerechtigkeit“, so drückt ein Mitglied der Bibelrunde seine Verwunderung aus über die Fülle an Bibeltexten, die soziale Aussagen haben. Viele Aspekte lassen sich in einem Bibeltext finden. Maßgeblich ist dafür der Blickwinkel. Man muß den gesellschaftlichen Aspekt nur suchen, dann findet man ihn in jedem Text.