Die Gesprächspartner Jesu stehen voll Bewunderung vor dem Tempel in Jerusalem – er war in der Tat ein großartiges Bauwerk. Doch Jesus durchkreuzt ihre Bewunderung: „Kein Stein wird auf dem andern bleiben.“ Im Jahr 70 n. Chr. wurde der Tempel von den Römern zerstört. Viele Menschen wurde damals getötet, die anderen vertrieben. „Kein Stein blieb auf dem anderen“, das war bittere Wirklichkeit des jüdischen Volkes bis in unser Jahrhundert, wo es im Holocaust völlig vernichtet werden sollte.Schon die Propheten kündigten immer wieder Katastrophen und Zerstörung an. Sie sahen in Niederlagen bei kriegerischen Konflikten häufig eine Strafe Gottes. Das Gegenstück zur Bestrafung war die Errettung der Gerechten. Für sie wird „die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, so heißt es im Buch Maleachi. Jeder, der das Lukasevangelium las, blickte wahrscheinlich bereits auf den jüdischen Krieg von 70 n. Chr. zurück und wußte von den Gewalttaten an der Bevölkerung von Jerusalem. Eroberung, Tod, Vernichtung, Vertreibung, Zerstörung, Vergewaltigung – eine zu jeder Zeit durch politische Interessen und Machtverhältnisse herbeigeführte leidvolle Realität. Tempel unseres LebensDoch wenden wir unseren Blick noch zu einem Leben in normalen Zeiten. Voll Anerkennung stehen wir vielleicht vor einem geordneten Leben - Familie, Beruf, gesicherte Lebensumstände, alles scheint ‚geritzt’. Doch eines Tages brechen Konflikte auf, geht die Arbeitsstelle verloren oder macht der Beruf keine Freude mehr, ein Familienmitglied erkrankt oder stirbt – wieder: „Kein Stein bleibt auf dem anderen.“ Was unser Tempel war, unser Lebensinhalt, unsere Sicherheit, scheitert. Unsere Evangelienstelle nennt einige „Gebäude“, die einstürzen können. Da kommt zuerst der „Tempel“ der Lebensideale. Habe ich nicht bisher ganz falsch gelebt? In einer persönlichen Krise wird es genug Leute geben, die dir sagen, welcher Weg der richtige ist, warnt Jesus. Sein Rat lautet: „Lauft ihnen nicht nach.“ Damit könnte gemeint sein: Prüfen, mit verschiedenen Menschen reden, ein begründetes Urteil suchen. Weiters: das Verfolgtwerden für die eigene Überzeugung. Das gibt es auch in den friedlichsten Zeiten. Es wird vielleicht erwartet, daß wir uns einem Trend unterordnen, in angespannten Situationen ist die Gefahr groß, daß wir eine wohlüberlegte Einstellung aufgeben. Es könnte uns helfen, auf die Verheißung unserer Evangelienstelle zu bauen: „Ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben.“ Schließlich spricht Jesus noch das Zerbrechen von Familien- und Freundschaftsbindungen an, Situationen, in denen auf vertraute Menschen kein Verlaß mehr ist. An dieser Stelle weiß unser Evangelium keinen Rat. Kein Haar gekrümmtDennoch: Für alle Erschütterungen unseres Lebens bleibt das Versprechen: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“ Es ist nicht gemeint, daß wir immer wie durch Zauberkraft heil bleiben. Wir dürfen aber glauben, daß wir gerettet werden, auch wenn wir uns die Art und Weise, wie das geschieht, nicht immer genau vorstellen können.