Wenn ich die Welt anschaue, sehe ich Elend und Leiden in tausendfacher Form – Hungernde, Unterdrückte, Mißhandelte, Krieg, Flüchtlinge, Arbeitslose, an Krebs oder Aids Erkrankte, Obdachlose, Süchtige, Verzweifelte und Depressive – ein endlos langer Zug der Not, in dem ich mit meinem eigenen schweren Bündel mitgehe.Ich sehe auch die Qualen der geschundenen Tiere, die Zerstörung der Umwelt, der Pflanzen, Bäume, Flüsse und Meere. Und ich höre den Schrei der Welt nach Erlösung – einen Schrei, in den ich selbst miteinstimme. Ich sträube mich gegen das Leid, hätte die Erde gerne als Paradies, würde am liebsten kein Elend mehr sehen und spüren, sondern nur noch Glück und Freude. Es ist zutiefst menschlich, unausrottbare Sehnsucht, verständlicher Wunsch – und doch ein frommer Wunsch: die Wirklichkeit sieht anders aus. Das weiß ich auch, ich werde ja aus den Träumen immer wieder schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Teils verdränge ich die traurigen Tatsachen, schaue weg, betäube mich, um sie nicht mehr zu sehen. Teils verzweifle ich, indem ich sage: „Ist sowieso nichts dran zu ändern, auch wenn ich mich bemühe!“ Das kann doch nicht die Lösung sein!In einer leidvollen Situation widerfährt mir, genau betrachtet, nichts Außergewöhnliches – jeder Mensch leidet auf vielfältige Weise. Ich muß lernen, diese Wirklichkeit anzunehmen, zu bejahen, mich gelassen einzuordnen in das große Spiel des Lebens, besser: in den Plan Gottes. Doch hat Gott selbst etwa das Leid in den Plan „eingebaut“? Und warum? Fragen ohne Antwort. Eines aber weiß ich: Gott ist Liebe, er kämpft gegen das Leid – gerade in Jesus.Und weil über allem Quälenden und Rätselhaften nur eines waltet, nämlich Gottes Gedanken der Liebe und des Friedens, vertraue ich, daß es mitten im Dunkel der Welt eine Dynamik der Liebe gibt, hin zum Licht, zur Vollendung. Ich erfahre Spuren dieses Lichts in meinen Alltagsnöten, erfahre, Gott ist an meiner Seite, gibt mir Kraft zum Durchhalten, zum Standhalten. Ich lasse mich nicht kleinkriegen, kämpfe nach Gottes Vorbild und mit Gottes Hilfe gegen Leid und Not in der Welt.Aus: Uli Heuel, Mut für jede Woche. Styria 1998, S 218,-.