Der Mensch Jesus ist uns in den letzten Jahren näher gekommen, als er es manch früherer Generation war. Wir sehen ihn als Lebenslehrer, wir wissen, daß er für die Armen und Gebrochenen in besonderer Weise da war. So können wir uns in die von Lukas erzählte Begebenheit rasch einfühlen: Jesus hängt am Kreuz und erntet Spott. Es scheint erwiesen, daß er ein Schwindler war. Ein Mensch jedoch sieht tiefer. Es ist jener, von dem man es am wenigsten erwartet. Ausgerechnet einer der beiden mit Jesus gekreuzigten Verbrecher erkennt, wer Jesus ist und ist fähig, der Wahrheit seines eigenen Lebens ins Auge zu blicken. Jesus verspricht ihm, daß sein Leben nicht verloren ist. So werden die beiden füreinander zu Sterbebegleitern. Alte Überlieferungen . . .Der Kolosserbrief legt uns Aussagen über Jesus vor, mit denen wir uns vielleicht schwertun: Jesus ist schon immer da, in ihm wurde alles erschaffen, das ganze All ist durch ihn versöhnt. Noch leben wir vom Erbe früherer Generationen – gerade deswegen können wir den Erzählungen über Jesus Bedeutsames entnehmen, weil wir mithören, daß Gott selbst durch ihn zu uns spricht. Der Kolosserbrief richtet sich an drei kleinasiatische Gemeinden, Kolossä, Laodicea, Hieropolis. Dieses Gebiet war ein Schmelztiegel verschiedener religiöser und philosophischer Strömungen. Das Judentum setzte sich mit der griechischen Philosophie auseinander. Im Judentum findet sich die Vorstellung, daß Gott vor allen anderen Werken die Weisheit erschuf: „Der Herr hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, als erstes seiner Werke von jeher“ (Spr 8, 22). Der etwa zeitgleich mit Jesus lebende jüdische Philosoph Philo suchte eine religiöse Sprache, durch die die Griechen das Judentum besser verstehen sollten. Bei den Griechen gab es die Vorstellung von einer das Universum durchwaltenden Ur-Idee, dem Logos (= Wort, Sinn, Ordnung). Für Philo war Weisheit und Logos dasselbe. Auch innerhalb der christlichen Gemeinden gab es Spannungen zwischen der ‚modernen’ griechischen Philosophie und überliefertem Brauchtum. In dieser geistig angespannten Situation beruft sich ein unbekannter Briefschreiber auf die Autorität des Apostels Paulus und gibt den Gemeinden eine Wegweisung. Keine zu großen Lasten auferlegen, keine Energie verwenden für ein Spekulieren über die Geistwesen und Dämonen, denn Christus ist die Mitte des Glaubens, er ist der Erstgeborene der Schöpfung. Er legt uns ein Preislied auf Jesus vor, gesprochen mit den Worten des griechischen Weltbildes. Gott entreißt uns aus dem Bereich der Finsternis und führt uns dem Bereich seines geliebten Sohnes zu.. . . neue Worte finden Christus ist wie die Weisheit, die Ur-Idee, durch die das Universum geschaffen wurde und jetzt noch erhalten wird. Alle Kräfte, die zum Guten wirken können, wohnen in ihm. Aber auch für den Kolosserbrief ist das Leiden Christi wichtig: Durch die Konsequenz bis zum Kreuz hat er den Frieden für die ganze Schöpfung erworben. Lukasevangelium und Kolosserbrief ergänzen so einander.