Das aufrüttelnde Evangelium des 1. Adventsonntags durchkreuzt unseren gewohnten Blick auf den Advent. Haben wir nicht eher das Bedürfnis, unsere Gefühle hinzulenken auf die Geburt des göttlichen Retterkindes und uns zu verbinden mit der freudig-gespannten Erwartung einer Frau in den letzten Wochen vor der Geburt. Und dann dieses Evangelium von der verfinsterten Sonne und den herabfallenden Sternen.In der Gemeinde des Matthäus war die Rede von einem Tag, an dem Gott ‚aufräumt‘, wohlbekannt. Alle Propheten hatten davon gesprochen. Was hatte nun Jesus über diesen ‚Zahltag‘ Gottes gesagt? Wie lange hatte man noch Zeit? Die Antwort aus der Haltung Jesu gibt der Evangelist aus seinen umfangreichen Überlieferungen. Er stellt eine Rede zusammen, die letzte Rede Jesu. Den Tag kennt niemand, heißt es da, auch nicht Jesus. So bleibt nichts, als wachsam zu sein. Und dieser Faden – der Ruf zur Wachsamkeit – wird dann im Anschluß an unsere Stelle weitergesponnen: es folgen die Gleichnisse von den Jungfrauen und von den Talenten. Wachsamkeit heißt: man braucht einen Vorrat. Jene Jungfrauen werden mit dem Bräutigam ziehen können, die genügend Öl vorrätig haben. Man braucht Phantasie und Tatkraft: jene werden einen Platz finden im Reich Gottes, die ihre Talente vermehrt haben. So oft wie möglich . . . Was aber ist damit gemeint: was soll man vorrätig haben bzw. vermehren? Im allerletzten Teil der Rede, in Mt 25, wird das Rätsel gelöst. Am entscheidenden Tag zählt nur die gelebte Barmherzigkeit: Was ihr dem Geringsten der Brüder und Schwestern getan habt, wenn ihr dafür Geduld und Tatkraft eingesetzt habt, dann habt ihr die richtige Wahl getroffen.Wie aber geht es uns mit der Zeit? Advent z. B. ist eine klar umrissene Zeit. Unsere Bräuche drücken das aus: jede Woche brennt eine Kerze mehr am Adventkranz. Alle Einkäufe und Vorbereitungen müssen bis zum Weihnachtstag erledigt sein. Klare Zeitvorgaben sind ein wichtiger Teil unseres Lebens und geben uns Sicherheit. Bis wann habe ich Zeit, etwas zu erledigen? So gerne wir auch planen, wir wissen, daß unsere Lebenszeit letztlich nicht planbar ist. Wir kennen Tag und Stunde nicht, an denen sie endet. Wir wissen nicht, wann wir entscheidende Veränderungen hinnehmen müssen. Plötzlich sind sie da. Woher hätten die Menschen zur Zeit des Noah wissen sollen, daß jetzt die große Flut kommt und sie keine Zeit mehr haben, fragt Matthäus? . . . das Wesentliche tunDamit aber wird die wichtige Frage in uns angestoßen: Wenn wir schon nicht wissen, wie lange unsere Zeit währt, wie können wir sie so einsetzen, daß etwas von unserem Einsatz bleibt? Hier sagt nun Matthäus: Was bleibt, auf jeden Fall bleibt, ist die Barmherzigkeit: Hungernde gesättigt, Dürstenden Wasser gereicht, Trauernde getröstet, Kranke besucht zu haben. Das ist das, was wichtig ist. Kommen wir möglichst oft zum Wichtigen. Jesaja sagt es so: Kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn!