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Jetzt ist die Zeit

Advent 98: Jesus neu buchstabiert (1)
Ausgabe: 1998/48, Advent 98
24.11.1998
- Martin Kranzl-Greinecker
Jahr für Jahr derselbe Jammer: Jung und alt strebt dem Weihnachtsfest zu, brauchtumsgemäß und kaum widerständig gegen den Pseudo-Advent an jeder Straßenecke. Dabei beginnt jetzt die Zeit, die uns einmal im Jahr bewußt an unsere Würde erinnert: Weil er, Jesus, als Mensch zur Welt kam, ist unsere Existenz in Gottes Augen aufgewertet. Auf Jesu Geburtsfest in Wachheit und Ernsthaftigkeit zugehen ist die Chance der Adventszeit.Jetzt – ein Wort, das in Vergessenheit geriet und meist dann erwacht, wenn es um spontanen Genuß geht („Ich muß das auf der Stelle haben“). Ansonsten aber regiert der Blick nach vorn, darauf, was ich einmal haben möchte, was meine Pläne sind. Wieviele Menschen reden darüber, was sie in der Pension tun werden? Ohne das Jetzt zu beachten, obwohl es keinen Augenblick gibt, der mehr zählt als der gegenwärtige. Wer weiß, was morgen sein wird? Die Lehre des Salzburger Spiels vom „Jedermann“, der dem Tod unvermutet ins Auge blickt, heißt: Nur meine Gegenwart kann ich wirklich gestalten. „Meine Vergangenheit“, so sagte Franz von Sales, „kümmert mich nicht mehr. Sie gehört der göttlichen Barmherzigkeit. Meine Zukunft kümmert mich noch nicht, sie gehört der Vorsehung. Mich kümmert mein Hier und Jetzt.“ Jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.“ Dieser adventliche Text eines modernen religiösen Liedes bringt auf den Punkt, was die Ankunft Jesu abverlangt: Das echte Leben im Hier und Jetzt. Innehalten, um zu sehen, wo ich stehe, ist angesagt. Einmal nicht fragen, woher ich komme oder wohin ich gehe, sondern mich dem Ist-Zustand stellen. Betrachten, was wäre, wenn die „Jedermann“-Geschichte mich in diesem Moment ereilt und ich dem Tod ins Auge sehen muß. Alfred Delp, ein von den Nazis ermordeter deutscher Jesuit, verfaßte in der Zelle seine Gedanken „Im Angesicht des Todes“. Er meint, daß der prüfende Blick in den inneren Spiegel für die meisten Menschen ernüchternd sein muß. „Den innersten Sinn des Advent hat nicht verstanden, wer nicht zutiefst erschrocken ist vor sich selbst“, schrieb Delp. Trotzdem ist der Advent nicht die große Zeit der Angstmacherei, die lange mißbräuchlich mit dem Besuch des hl. Nikolaus verbunden war.Jesus kommt. Zeit, das Herz zu öffnen, sich selbst anzunehmen und die Zeit zu nutzen.
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