322 christliche Kirchen stellen in Afrika die Weichen für die Zukunft
Ausgabe: 1998/49, Ökumene, Dantine
02.12.1998
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
50 Jahre nach der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen treffen sich zum achten Mal Vertreter christlicher Kirchen aus aller Welt. Spannungen zwischen der Orthodoxie und dem Weltkirchenrat überschatten jedoch das Jubiläum, sagt Johannes Dantine, der für die evangelische Kirche Österreichs vom 3. bis 14. Dezember in Harare teilnimmt. Mit welchen Erwartungen fahren Sie zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) nach Harare?Dantine: Die Erwartungen sind sehr gespalten. Wir haben sehr große Probleme durch die Spannungen mit der Orthodoxie. Ich hoffe, daß es trotz dieser Schwierigkeiten zur Neuentdeckung der ökumenischen Gemeinschaft kommt. Was ist mit der Orthodoxie los?Dantine: Die Orthodoxie hat schon seit geraumer Zeit Schwierigkeiten mit der Ökumene. Weil ihrer Meinung nach der ÖRK zu sehr von westlichen Themen geprägt ist, von der Forderung nach der Ordination der Frauen bis hin zur Anerkennung von Homosexuellen. Das ist seit der veränderten politischen Situation in Osteuropa eskaliert. Der innerorthodoxe Kompromiß um die Teilnahme sieht nun nach monatelangem Ringen so aus: Delegierte werden nach Harare kommen, aber nicht abstimmen. Sie werden auch, und das ist viel schwerwiegender, nicht an den gemeinsamen Gebeten und Gottesdiensten teilnehmen. Das heißt, die Errungenschaft der Ökumene steht auf dem Spiel?Dantine: Ja, das ist eine ganz schwierige Geschichte. Gemeinsam gebetet hat man immer. Auch wenn man einander in seinen Vorwürfen ehrlich ist, muß man trotzdem gemeinsam beten können. Das ist sehr hart, und viele Orthodoxe teilen diese Ansicht. Das heißt, zum 50-Jahre-Jubiläum steckt der ÖRK in seiner schwersten Krise?Dantine: Ich bin vorsichtig mit solchen Begriffen, weil sich das schon kontinuierlich in den letzten Jahren angebahnt hat. Aber sicher steht diese Konferenz vor neuen Herausforderungen, die in dieser Schärfe bisher so noch nicht da waren. Andererseits haben wir ein Papier auf dem Tisch über die Visionen der Zukunft. Darin wird noch einmal sehr deutlich betont, daß der ÖRK keine Überkirche sein kann, sein soll und auch nicht sein will. Sondern eine Gemeinschaft der Kirchen ist von sehr unterschiedlicher Herkunft und sehr unterschiedlichem Charakter. Nicht näher gekommenWas sich allerdings jetzt abspielt zeigt ein Grundproblem auf: Seit ihrer Gründung hat die ökumenische Bewegung nicht dazu geführt, daß die Kirchen einander näher gekommen sind. Die Trennungen sind vielmehr größer geworden. Warum? Weil sehr verschiedene auch neue kirchliche Traditionen hier ihr Forum gefunden haben. Das gilt besonders für die Theologie der „Dritten Welt“. Diese Kirchen entwickeln ihre Eigenständigkeit. Sie versuchen ihren christlichen Glauben in ihrer kulturellen Traditionen zu entfalten. Es gibt immer mehr und vielfältigere Formen christlichen Lebens, christlicher Lehre und des christlichen Gottesdienstes, die auf jeden Fall den Europäern und Nordamerikanern immer fremder werden. Worin liegt dann die Aufgabe der Ökumene der Zukunft?Dantine: Ökumene kann keine Uniformität herstellen. Es geht vielmehr darum, eine Gemeinschaft zu entwickeln, über die Unterschiede hinweg, bei Anerkennung der Unterschiede. Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben, von einander lernen und uns gegenseitig korrigieren. Das ist die Aufgabe, ob und wie weit das gelingen wird, ist die Frage. Wird Harare vor dem 21. Jahrhundert die Einheit der Christen signalisieren oder die Zerrissenheit und Spaltung weiterschreiben?Dantine: Ich glaube nicht, daß Harare platzen wird. Aber die Welt der Zukunft wird auf jeden Fall vielgestaltiger sein, als es die Vergangenheit war – und das ist gut so. Nichts wäre schlimmer, als wenn die Globalisierung zu einem weltweiten Einheitsbrei aus Coca-Cola und geistigen Hamburgers führen würde. Das Problem ist nur, daß es nicht leicht sein wird, adäquate Formen der Zusammenarbeit zu finden. Ich habe ein Verständnis dafür, wenn die Kirchen der Orthodoxie sich beschweren, daß sie dauernd mit Themen befaßt werden, die nicht ihre sind. Ein Gefühl dafür haben, was man einander zumuten kann, gehört auch zu dieser Kategorie von Gemeinschaft. Was nicht heißt, daß man klein beigibt. Es muß hier ein neuer Stil entwickelt werden. Ob die Beschlüsse sehr aufregend sein werden, wage ich zu bezweifeln. Wichtige Themen sind sehr stark unter Druck. Es werden hoffentlich Ansätze zu Formen der Zusammenarbeit entwickelt, und Harare wird Lernprozesse fördern. Die strittigen Fragen haben sich auch schon bei der ökumenischen Versammlung in Graz angebahnt. Hat Graz zur Verschärfung beigetragen?Dantine: Nein, ganz im Gegenteil. Das Besondere von Graz war doch, daß sehr viele, vor allem junge Menschen aus Mittel- und Osteuropa gekommen sind, und erstmals Ökumene so kennengelernt haben, wie wir sie leben. Durch dieses Treffen ist mit Sicherheit der auch in den Kirchen vorhandene „Eiserne Vorhang“ durchlöchert worden. Doch die Zeit war noch zu kurz, damit die positiven Impulse in den Kirchen zum Tragen kommen könnten. Interview: Walter Achleitner