Dr. Alois Kothgasser, Innsbruck, ist Caritas-Bischof für Österreich.
Ausgabe: 1998/52, Caritas
04.01.1999
- Hans Baumgartner
Sagt den Verzagten: Habt Mut. Fürchtet euch nicht. Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten. Blinde sehen, Taube hören, Aussätzige werden rein. In der Wüste brechen Quellen hervor, und durch das durstige Land fließen Bäche. Nach Jesaja 35 Mit einer großartigen Vision hat der Prophet Jesaja das Kommen des Messias angekündigt. Die Menschwerdung Gottes hat die Welt verändert, trotz aller dunklen Kapitel in der Geschichte der Christenheit. Mit dem Kind in der Krippe hat Gott selbst davon Zeugnis gegeben, wovon schon das Erste Testament an vielen Stellen spricht: seinem Herzen sind die Schwachen und Ausgegrenzten, die Abgeschriebenen und Vergessenen, die Verzagten und Leidenden besonders nahe. Caritas, konkrete Zuwendung zu den Notleidenden und Bedrückten und soziales Engagement sind mehr als ein moralisches Gebot, in ihnen erscheint das Gesicht Gottes in dieser Welt. Die Österreichische Pastoraltagung beschäftigt sich vom 28. bis 30. Dezember mit dem Thema Caritas in seinen vielen Gestalten. Die Kirchenzeitung bringt dazu ihren Weihnachtsschwerpunkt.„Wir können noch so schön predigen, ohne das Zeugnis der Nächstenliebe bleibt die Botschaft Christi halbiert“, sagt Caritas-Bischof Alois Kothgasser. Was bedeutet für Sie persönlich „Caritas“?Kothgasser: Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen und weiß, was es heißt, wenn Menschen in Not leben. Ich kenne aber auch von Kindheit an das Zusammenstehen jener, die alle nicht zuviel haben, die ganz selbstverständliche Solidarität. Ich glaube schon, daß ich aus dieser Lebensschule eine besondere Sensibilität für Menschen in Not mitbekommen habe. Ich bin fest davon überzeugt, daß unsere Verkündigung noch so schön sein kann, wenn sie nicht konkret wird im Dienst an den Mitmenschen, dann ist das Christentum halbiert, ein Torso. Wie sehen Sie Caritas als Bischof?Kothgasser: Die bis in die meisten Pfarren hinein gut organisierte Caritas hat für mich zuerst einmal eine große Bedeutung darin, daß sie möglichst viele Menschen sensibel macht für die Not um sie herum, aber auch für die Not in der Welt.Der zweite Schritt ist, daß wir vom Sehen der Not zur Hilfe kommen, und zwar zu einer kompetenten Hilfe. In manchen Fällen wird einfache Nachbarschaftshilfe genügen, in anderen Fällen aber wird es sinnvoll sein, die Notleidenden mit Institutionen in Kontakt zu bringen, wo ihnen Fachleute zur Seite stehen. Damit dieses Netzwerk der Liebe funktioniert, hat die Caritas zahlreiche Einrichtungen und Anlaufstellen – von der Alten-, Behinderten- und Familienhilfe, von Einrichtungen für Drogenabhängige und Flüchtlinge bis hin zu Beratungsstellen bei Familienproblemen, Verschuldung oder Arbeitslosigkeit. Diese Institutionen sehe ich nicht als Ersatz für die konkrete Hilfsbereitschaft vor Ort, sie sind vielmehr eine wertvolle Ergänzung. Zur Nächstenliebe gerufen ist jeder Christ und jede Christin. Brennpunkte der NotWo sehen Sie die Brennpunkte der Not in unserem Land?Kothgasser: Eine der großen Nöte in unserem Land ist sicherlich die Arbeitslosigkeit, besonders die Jugendarbeitslosigkeit. Sie bringt die Menschen nicht nur in finanzielle Bedrängnis, sondern löst viele psychische und familiäre Probleme aus und sie verursacht Ängste. Ich fürchte, daß die Arbeitslosigkeit in Zukunft eher zu- als abnimmt. Die Kirche kann die Aufgaben des Staates nicht ersetzen, aber sie kann auch nicht von der Not wegschauen. Ich glaube, wir müssen uns noch einiges mehr einfallen lassen, wie wir Arbeitslose auffangen können: etwa indem wir den Leuten durch kleine Arbeiten in den Pfarren wieder ein Gefühl von Nützlichkeit geben oder indem wir jene Projekte ausweiten, die arbeitslosen Jugendlichen und Schwervermittelbaren Beschäftigung geben und damit auch den Eintritt ins reguläre Arbeitsleben erleichtern. Ich denke, daß es aber auch Aufgabe der Kirche ist, in der politischen Debatte Druck zu machen für die an den Rand Gedrängten. Die Kirche kann da deutlicher reden als politische Parteien, die auf Wählergruppen Rücksicht nehmen müssen. Das gilt nicht nur für die Fragen Arbeitslosigkeit und Armut, sondern auch für den heiklen Bereich der Asylpolitik. Daß man dabei auch aneckt, das gehört zur Radikalität des Evangeliums.Unter dem Stichwort „Brennpunkte der Not“ möchte ich aber auch noch auf andere Probleme hinweisen: die vielen Alleinstehenden und Einsamen, die wachsende Zahl alter Menschen und die Art und Weise, wie mit Sterbenden umgegangen wird. Das sind Bereiche, wo der Mensch den Menschen braucht, jemanden, der zuhört, der da ist, der Aufmerksamkeit schenkt. Da ist noch viel zu tun für uns.Wann haben Sie zuletzt geholfen? Kothgasser: Erst gestern habe ich einem Nichtseßhaften, der mir geschrieben hat, daß er krank ist und nicht mehr weiterweiß, einen Brief zurückgeschrieben - mit einer entsprechenden Beilage. Als Bischof bekomme ich relativ viel Post von Menschen in Not, auch Behörden schicken manchmal Leute. Ich lasse das, um gerecht zu sein, von der Caritas prüfen und helfe dann, so gut ich kann. Ich bin froh, daß ich als Bischof jetzt konkreter mehr mit der Not der Menschen zu tun habe als früher als Ordensmann.Interview: Hans Baumgartner