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Endstation Gomel

Schwestern im Frauengefängnis
Ausgabe: 1998/52, Caritas, Frauengefängnis
04.01.1999
- Walter Achleitner
Eine Weihnachtsamnestie für Gefangene gibt es in Weißrußland nicht. Die Wirtschaftskrise und der Winter verschärfen die ohnedies unmenschlichen Haftbedingungen für rund 3000 Frauen im Gefängnis von Gomel. Mit einer Weihnachtsaktion setzt die Caritas ein Signal der Menschlichkeit.Er ist das Aushängeschild und liegt gleich am Eingang zum Barackenlager: der Block für Säuglinge und Kleinkinder. Doch der kleine Bau in dem derzeit 43 Mädchen und Buben ihre ersten 24 Lebensmonate erleben ist wie der Farbklecks im öde grauen Gefängnis von Gomel, dem einzigen für Frauen in Weißrußland. „Der Staat hat nicht damit gerechnet, daß einmal so viele Frauen hier landen werden“, meint der Gefängnisdirektor entschuldigend. Denn mit 2771 Frauen – „die Zahl war früher ein Staatsgeheimnis“ – sind die rund zehn Baracken mehr als dreifach überbelegt. Eisige KälteVerschärft wird die Situation durch die Wirtschaftskrise im „autoritären Polizeistaat“, wie Menschenrechtsorganisationen die Staatsführung des „unberechenbaren Diktators“ Alexander Lukaschenkos bezeichnen. Es fehlt sowohl an staatlichen Mitteln für das Gefängnis als auch an Arbeit für die Gefangenen, womit das Lager wesentlich finanziert wird. Heute findet nur mehr jede fünfte eine Arbeit in der Näherei. „Das schlimmste ist, daß wir nichts zu tun haben“, klagt eine Gefangene. „Wer Arbeit hat, zählt zu den Privilegierten!“ Und so stehen die Frauen selbst bei eisiger Kälte auf den wenigen Quadratmetern vor den Blocks und dem Stacheldraht zur nächsten Baracke unter freiem Himmel. Denn in den großteils 52 Jahre alten Gebäuden ist der Platz eng. Mehr als 40 Frauen in einer mit Stockbetten angefüllten Zelle sind üblich.Auf den Wegen zwischen den Blocks wird penibel auf Sauberkeit geachtet. Wie oft allerdings die Frauen den Weg ins Waschhaus gehen dürfen, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen: „Jederzeit“, meint die für Erziehungsfragen zuständige Leiterin. Und Verwandte, die allerdings auch nur zweimal im Jahr zu Besuch kommen dürfen, berichten: „Ganz selten besteht die Möglichkeit zum Duschen.“ Sicher hingegen ist nur soviel: Für alle 2771 weiblichen Häftlinge stehen 21 Duschen zur Verfügung. Und aus der Not in Sachen Hygieneartikel macht selbst der Gefängnisdirektor kein Geheimnis: „Toilettenpapier gibt es nur, wenn wir es von humanitären Einrichtungen aus dem Westen bekommen.“Wärmende NäheSeit zwei Jahren darf Schwester Miriam jeden Dienstag die Frauen im Gefängnis besuchen. „Die meisten kommen nach ihrer Entlassung zu uns. Sie erzählen von der Not und der Gewalt die im Gefängnis herrschen“, sagt die Nonne aus dem Orden von Mutter Teresa, die in Gomel das „Haus der Barmherzigkeit“ aufbaut. Mit Hilfe der Caritas Oberösterreich wurde der alte Kindergarten an der Sovietskaja, einer der großen Prachtstraßen Gomels, in ein Haus für Obdachlose umgewandelt. 120 Menschen erhalten hier täglich ein warmes Essen. „Und den Frauen aus dem Gefängnis bieten wir eine erste Unterkunft. Nur die wenigsten können jemals noch zurück in ihre Familien.“In diesem Jahr ist Miriam und ihren Mitschwestern ein weiterer Schritt gelungen. Erstmals dürfen sie zu Weihnachten den Frauen im Gefängnis kleine Lebensmittelpakete schenken – ein Zeichen der Menschlichkeit setzen.
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