Caritas-Baby-Spital bietet jährlich 3000 palästinensischen Kindern Hilfe
Ausgabe: 1998/52, Caritas, Baby-Spital, Bethlehem
04.01.1999
- Walter Achleitner
In Bethlehem steht das einzige Krankenhaus für palästinensische Kinder. Das Geld dafür kommt aus aller Welt und soll zeigen, daß die Christen in der Heimat Jesu nicht vergessen werden.„Das habe ich mir alles anders vorgestellt“, sagt ein Pilger, während sein Reisebus über die Hauptstraße von Bethlehem zur Geburtskirche fährt. Wie viele andere ist er enttäuscht, weil das tatsächliche Bethlehem nichts mit der romantischen Vorstellung vom Stall mit der Krippe und den Hirten auf dem Feld gemein hat. „Weihnachtsgefühle“ kommen nur selten auf.Auch die palästinensischen Christen haben heuer Mühe, sich auf die festliche Stimmung einzurichten. Zu groß sind die eigenen Probleme, als daß sie sich über die „Frohe Botschaft“ richtig freuen könnten. „1998 war in Bethlehem geprägt von Stillstand und Ungewißheit“, erklärt Klaus Röllin, Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem. Das christliche Hilfswerk setzt sich für die notleidende Bevölkerung in Bethlehem und Umgebung ein. Hauptwerk des Vereins ist das „Caritas Baby Hospital“ in Bethlehem, das einzige Kinderkrankenhaus im Westjordanland und im Gaza-Streifen.Zeichen der ZuversichtAls die israelischen Truppen vor dem Weihnachtsfest 1995 aus Bethlehem abzogen und die Stadt unter palästinensische Selbstverwaltung kam, war die Freude groß. Drei Jahre später will kaum noch jemand darauf vertrauen, daß der Friedensprozeß Erfolg haben wird. Schwester Silvia, Leiterin des Sozialdienstes des Kinderkrankenhauses, spürt eine „wachsende Verunsicherung“ in der Bevölkerung. Die italienische Ordensfrau glaubt, daß der allgemeine Stillstand auf das Gemüt der sonst so optimistischen Palästinenser zu drücken scheint. „Deshalb war es für uns so wichtig, ein deutliches Zeichen der Zuversicht zu setzen. Die Menschen erleben, daß wir sie mit ihren Problemen nicht alleine lassen.“Kinder erkranken zuerstArmut und die hohe Arbeitslosigkeit sind die größten Probleme. Denn wenn aus „Sicherheitsgründen“ Israel die Grenze „abriegelt“, dann verlieren auch die letzten Tagelöhner in Israel noch ihr Einkommen, und rund 70 Prozent der Bevölkerung sind ohne Arbeit. „Es fehlt das Geld für das absolut Notwendigste“, sagt Schwester Silvia. „Viele unserer kleinen Patienten sind krank geworden, weil die Familien nicht in der Lage sind, ihre Kinder ausreichend oder richtig zu ernähren.“„Gerade im Winter kommen viele unterkühlte Kinder zu uns. Körpertemperaturen von 28 Grad sind da keine Seltenheit“, meint Mechthild Eling, Kinderärztin des 80-Betten-Spitals. Viele der über 3000 Kinder, die jedes Jahr hier behandelt werden, leiden unter infektiösen und parasitären Krankheiten, an Stoffwechselstörungen und an Magen-DarmKrankheiten. Aber nicht immer kann mit einem kurzen Aufenthalt geholfen werden. Heiliger Abend 1952Begonnen hatte die Arbeit vor 46 Jahren, als Pater Ernst Schnydrig für die Deutsche Caritas in palästinensischen Flüchtlingslagern arbeitete. Am Heiligen Abend erlebt er in Bethlehem, wie ein verzweifelter Vater sein totes Kind in der Nähe des Flüchtlingslagers im Morast begrub. Daraufhin mietete er ein Haus mit 14 Betten und nannte es optimistisch „Caritas Baby Hospital“. Denn nie wieder sollte in dieser Stadt einem Kind medizinische Hilfe verwehrt bleiben, ohne dabei nach der Rasse oder der Religion zu fragen. Heute besuchen viele Pilger das Babyspital. Zwar wird ihre romantische Vorstellung von Bethlehem nicht bestätigt, aber sie finden etwas, das ihnen in dieser friedlosen Umgebung vertraut vorkommt: einen Ort christlicher Nächstenliebe.Die Generalsekretärin der Caritas Jerusalem bezeichnet es als Privileg, in der Heimat Jesu Zeugin seiner Liebe sein zu dürfen.Wir sind eben MütterAuf die Frage, wie sie denn als Frau ihre Rolle in dem von Männern dominierten Friedensprozeß zwischen Israelis und Palästinensern erlebt, antwortet Claudette Habesch amüsiert lachend: „Warum fragen Sie mich nicht, wie es mir damit in der Caritas geht. Auch hier treffen Sie auf internationaler Ebene fast ausnahmslos Männer – Bischöfe und Priester.“ Beiläufig fügt sie hinzu, daß es mit Sicherheit auch ihrer Kirche, der lateinischen, 1987 einiges an Courage gekostet habe, eine Frau als Generalsekretärin vorzuschlagen: „Aber immerhin, ich wurde bereits viermal verlängert.“Dennoch ist die studierte Sozialarbeiterin mit dem Schwerpunkt für Kinderpsychologie fest davon überzeugt, daß der Friedensprozeß unter Frauen erfolgreicher ist. Die Palästinenserin kurz: „Wir sind eben Mütter. Auch einen Vater schmerzt es, ein Kind zu verlieren. Aber am härtesten ist es für die Mutter, die dem Kind das Leben schenkt.“Ein ähnlich schmerzliches Gefühl kennt Frau Habesch seit den Tagen ihrer sorglosen Kindheit, als sie 1948 zum Flüchtling wurde: „Eine Vertriebene zu sein in der eigenen Stadt.“ Heute wohnt sie, von ihrem Geburtshaus fünf Minuten entfernt, in Ost-Jerusalem mit Blick auf ihr Haus im Westen. Und obwohl der Name Habesch seit Jahrhunderten untrennbar mit Jerusalem verbunden ist, sind ihre fünf Enkelkinder staatenlos und erhalten keinen Reisepaß.