Ausgabe: 1998/52, Advent 98: Jesus neu buchstabiert
04.01.1999
- Martin Kranzl-Greinecker
Sieh, der Herr kommt in Herrlichkeit. Nun ist es also wieder Weihnacht geworden. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Jedes Jahr versucht Gott es aufs neue, in dieser Welt anzukommen. Milliarden von Menschen, darunter Hunderte Millionen Christen, feiern ein Fest und beschwören die Liebe, den Frieden, die Harmonie. Der Heiligen Nacht folgt die Erkenntnis, daß das Wunder nicht von selbst einsetzt. Kein magisches Datum wird die Welt ändern, keine Gefühlsduselei und schon gar kein Weihnachtsumsatz der Geschäftsleute. In einem Menschen, im menschlichen Herzen, in einer Familie kommt Gott an. „Das größte Problem ist nicht die Atombombe“, soll Albert Einstein gesagt haben, „das größte Problem ist das menschliche Herz.“– Jesus, komm in mir zur Welt!Stille Nacht, heilige Nacht! Nach der ganz und gar nicht stillsten Zeit im Jahr ist der Heilige Abend tatsächlich ein Ruhepol. Leere Autobahnen, leere Innenstädte. Volle Kirchen, volle Wohnzimmer, volle Bäuche. Und mein Herz – leer oder voll? Die Stille wird in unseren Weihnachtsliedern beschworen, aber nur wenigen bleibt der Mund vor Staunen offen. Dabei ist das Geschehen der Heiligen Nacht geradezu unglaublich: der große Gott kommt als Kind armer Leute in einer miesen Unterkunft draußen vor der Stadt zur Welt.Stallgeruch. Kratzendes Stroh. Ein außergewöhnlicher Stern am Nachthimmel. Der störrische Esel und der starke Ochse. Strahlende Hirten und streichelweiche Lämmer. Wir kennen und brauchen sie alle, die weihnachtlichen Bilder der Kindheit. Die Idylle trügt. In Wahrheit ist es ein Skandal, wenn eine junge Familie mit ihrem Baby auf der Straße steht. Gott nimmt diesen Skandal auf sich. Er wird einer von denen, die zuerst etwas leisten sollen, bevor sie Aufnahme finden. Gottes Sohn ist kein Star, kein Macher, kein Adabei, kein Gesellschaftslöwe. Das goldene Jesuskind im Schoß der Mutter – ein erfundener Wunschtraum. Die unbequeme Wahrheit stört die stille, heilige Nacht, die für so viele zum perversen Geschenktaumel verkam: Weil das Herz des Menschen unberührbar ist, ist Gott zum Straßenkind geworden. Er ist sich nicht zu gut dafür, daß es ihm schlecht geht. So weit reicht Gottes Solidarität und Sympathie zu uns Menschen!Störrisch wie ein Esel und stark wie ein Ochse möchte ich sein! So bete ich zum armseligen Straßenkind im Stall. Wie kann ich ein armes Kind in der Kirche verehren und die Nöte so vieler Kinder stillschweigend akzeptieren? Wie kann ich die Geburt feiern, während so viele Kinder nicht geboren werden dürfen? Ich stehe still an der Krippe …r