Wenn ich das Thema Krippe und Familie genauer anschaue, dann ist das ein Beispiel dafür, daß Gott auf krummen Zeilen gerade schreibt.Ursprünglich waren die Weihnachtskrippen in den Kirchen. Das beginnt schon bei den gotischen Flügelaltären, von denen sehr viele Weihnachtsdarstellungen zeigen. In der Barockzeit blühen dann die kostbaren Kirchenkrippen auf mit gekleideten Figuren, mit einem prächtigen Zug der Könige, mit Hunderten von Figuren. Und dann kam Joseph II. Er war ein Aufklärer. So manches, was er gemacht hat, war gut. Aber er hat sich auch in die Liturgie massiv eingeschaltet. Er hat die Zahl der Kerzen am Altar vorgeschrieben, eine Menge frommer Bräuche wurden abgeschafft, der Kreuzweg durfte nur mehr sieben Stationen haben, nicht 14. Im Zuge dieser Ausräumungsarbeiten hat er auch die Krippe aus der Kirche verbannt.Und damit hat er, ohne es zu wollen, der Krippe einen Dienst getan: Von jetzt an wanderte sie im Lande in die Höfe, Häuser, Wohnungen und Familien. Und seitdem ist die Krippe dort geblieben, wenn sie auch wieder in die Kirche zurückgekehrt ist. Darum ist die Krippe in der Familie ein Zeichen dafür, daß Gott auf krummen Zeilen gerade schreibt. Manchmal denke ich mir, daß die bezeichnende Tatsache, daß der Christkindlmarkt in Innsbruck keinen Platz für das Christkind mehr hat, weil die Verkaufsstandl jeden Platz brauchen, vielen die Augen öffnet.Aber der wichtigste Platz für die Krippe ist ohnedies der in den Herzen der Menschen und in den Familien. Die Krippe gehört in die Familie, weil sie dort begonnen hat. Maria und Josef, die jungen Eheleute, waren die ersten Krippenbauer. Sie hat das Kind in die Krippe gelegt, und er hat sich um die Stallhöhle gekümmert.Die Krippe gehört in die Familie, weil sie ein Brauch voller Leben ist. Krippen legt man nicht auf wie eine Platte mit Weihnachtsmusik, und man schaltet sie nicht ein wie eine Sendung im Fernsehen. Krippen wollen liebevoll aufgestellt werden. Und viele Krippen verlangen Vorbereitung: Moos sammeln, streuen, Licht installieren, Zweige stecken, Figuren gruppieren. Darum ist die Krippe etwas Lebendiges, sie ist ein Familienspiel mit Tiefgang.Die Krippe gehört in die Familie, weil sie gerade für Kinder so ein schöpferischer Brauch ist. Die schönsten Krippen, die ich bekommen habe, war eine Papierkrippe einer Fünfjährigen aus dem Kindergarten und die Tonkrippe, die ein Volksschüler gebastelt hat. Ein Gang durch Kirchen, Museen und Stuben zeigt, wieviel Phantasie rund um die Krippe in all den Jahrhunderten aufgeblüht ist. Die Krippe gehört in die Familie, weil mit ihr das Schöne im Hause blüht.Die Krippe gehört in die Familie, weil sie ein ganz kostbares Stück Hauskirche ist. Sie unterscheidet sich nämlich von anderen Bräuchen. Sie gleitet nie ins Magische oder Abergläubische ab, sie dient nie irgendwelchen Seiten- und Winkelfrömmigkeiten. Sie erinnert mitten in der Familie an das Geheimnis der Geheimnisse: die Menschwerdung Gottes – an dieses Kind, in dem Gott ganz still, ohne Macht und klingenden Namen, in diese Welt gekommen ist. Die Krippe erinnert nicht an irgend etwas, sie erinnert an das Wesentliche unseres Glaubens: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.Die Krippe ist beschaulich, lebendig, schöpferisch, schön und tiefsinnig, sie ist ein Stück Theologie im Wohnzimmer.Predigt beim Tiroler Landeskrippentag 1998Von der ersten KrippeWeihnachten 1223. Ein merkwürdiger Zug verläßt die kleine italienische Stadt Greccio. Die Mitternachtsmette ist gerade vorüber. Im Licht der rauchenden Pechfackeln ziehen Männer und Frauen, Junge und Alte, Reiche und Arme durch die Nacht. Sie folgen einem Mann, der ihnen auf nackten Füßen vorangeht: Franz von Assisi.Nach einer Weile gelangt die Prozession an den Rand des Waldes. „Damit ihr wirklich begreift, mit euren Herzen und Händen begreift, was an Weihnachten geschieht, habe ich euch hier hinaus geführt, vor die Tore der Stadt.“ Die sanfte Stimme von Franziskus unterstreicht die Stille der Nacht. Sie haben eine Lichtung erreicht, in deren Mitte sich schemenhaft die Umrisse eines kleinen Stalles abzeichnen. Franziskus tritt näher und taucht die Szene in den Schein seiner Fackel. Welche Überraschung: Da liegt ein kleines Kind im Stroh der Futterkrippe, ein Mann und eine Frau stehen dabei – und auch ein Ochs und ein Esel. Abermals beginnt Franziskus zu reden: „Weihnachten wird heute in der Kirche gefeiert – und das ist gut so. Aber angefangen hat es hier draußen. Diese Krippe erzählt uns allen ein großes Geheimnis: Gott ist so menschenfreundlich, daß er selber Mensch wird. Und wenn wir so zärtlich werden wie dieses Kind, so mutig wie seine Eltern und so einfallsreich wie die Liebe, dann kommt er auch durch uns zur Welt.“Aus dem Legendenschatz um Franz von Assisi