Weihnachtsreprisen: Das Annehmen von Geschenken ist Lebenskunst
Ausgabe: 1999/01, Weihnachten
08.01.1999
- Mali Sachsenhofer
Der Stau auf den Zufahrtsstraßen der Einkaufszentren und die Warteschlangen vor den Umtauschkassen an den ersten Werktagen nach Weihnachten beweisen es: Das „Christkind ” hat auch heuer wieder etliche Male danebengegriffen. Die Volksschülerin Ines überraschte ihre Mutter mit einem wunderschönen, selbstgemachten Taschentuchbehälter mit eingesticktem Monogramm. Der Beschenkten stockte der Atem, als sie das Kunstwerk unterm Christbaum fand! Denn das Material, aus dem das Geschenk gefertigt war, war ein Rechteck von 15 mal 35 Zentimetern, herausgeschnitten aus jenem Stück wertvollen Handarbeitsbrokats, das die Mutter genau abgemessen für ein schönes Tischtuch im Kasten verwahrt hatte. Aber es waren keinesfalls nur Kinder, die Geschenke unter den Christbaum legten, die die Beschenkten in arge Verlegenheit brachten. Meine Freundin Luise, eine gewichtige Mittfünfzigerin, stöckelt seit Weihnachten in zierlichen Pantöffelchen durch die Wohnung, weil sie es nicht schafft, ihrem erwachsenen Sohn zu gestehen, daß sie um mindestens eine Nummer zu klein sind. Und Frau Ilse ist noch immer am Überlegen, ob sie den teuren Morgenmantel – einen „Traum in Türkis”, den ihr ihr Gatte zugedacht hatte – nicht lieber doch für den Jahresbedarf an Strumpfhosen und Unterwäsche eintauschen sollte. Morgenmäntel hat sie nämlich schon zwei Stück. Herr Rudolf dagegen entwickelt nahezu einen Tick, wenn er mit elegant gespreiztem Zeigefinger seine etwas zu große Pelzkappe – das Weihnachtsgeschenk seiner Tochter – alle paar Minuten aus der Stirn schiebt. Elke und Franz, ein jungvermähltes Paar, haben wieder ganz andere Sorgen: Sie hoffen, Tante Anna möge ihren Besuch in ihrem neuen Heim immer ankündigen, damit sie das Geschenk der Tante – ein selbstgemaltes Bild – rechtzeitig ins Wohnzimmer placieren können. Ist es schon nicht leicht, Geschenke zu machen, ist das Annehmen von Geschenken oft wahre Lebenskunst. Gott schenke uns dazu das nötige Fingerspitzengefühl und eine ordentliche Portion Humor!