Die vier Lieder vom Gottesknecht sind zentraler Bestandteil der prophetischen Botschaft des Alten Testamentes. Geschrieben hat sie ein Schüler des Propheten Jesaja, Deuterojesaja genannt, der zusammen mit dem Volk Israel um das Jahr 550 vor Christus in einer prekären Situation gelebt hat. Nebukadnezar, König von Babylonien, war 587 mit einem großen Heer herangezogen und in Juda eingebrochen. Er hatte Jerusalem umzingelt, alles verbrennen und viele Leute töten lassen. Ein Teil des Volkes, unter ihnen auch Deuterojesaja, der das Morden überlebt hatte, wurde in die Sklaverei, in die Babylonische Gefangenschaft geführt. Die Klagelieder des Alten Testaments sind ein erschütterndes Zeugnis von erlittenem Hunger, Elend, Terror, Zerstörung, Todestraurigkeit und Sklaverei. Was will der Prophet seinem Volk in so einem Zustand, fast ohne Glauben, ohne Hoffnung, sagen? Was und wen meint er mit dem Gottesknecht?Wer ist Gottesknecht?Als tief in Gottes Heilszusage verwurzeltem Menschen, als Mitbetroffenem und Mitleidendem ging es Jesaja darum, dem Volk in der Gefangenschaft eine Gestalt vor Augen zu führen, die ihm dazu helfen könnte, in der Person des Knechtes seinen Auftrag als Volk Gottes zu entdecken. Der Gottesknecht ist für ihn also letzlich das in der Gefangenschaft lebende Volk. Jesus ist – ganz inspiriert von den vier Liedern des Gottesknechtes – zu diesem Knecht geworden. Er ist lebendiges Beispiel, fleischgewordener Kommentar dieser Lieder, damit selber Gottesknecht. Es liegt nahe, daß auch heute gerade jene Menschen diese Lieder entdecken und ihre Botschaft verstehen, die in einer ähnlichen Situation leben wie das Volk damals. Die Menschen Lateinamerikas und ihre TheologInnen, namentlich Carlos Mesters, haben sie als ,Botschaft des leidenden Volkes‘ formuliert:Gott hat die Initiative ergriffen und genau dieses gequälte Volk erwählt. Er hat damit gezeigt, daß er sich auf die Seite der Unter-drückten stellt. Gott will, daß alle auf die Armen blicken und dort die Gute Nachricht entdecken, die er durch sie anbietet.Die gute Nachricht, die da heißt, das geknickte Rohr nicht zu zerbrechen und den glimmenden Docht nicht zu löschen. Das heißt, nicht die zu unterdrücken und zu kränken, die (noch) schwächer sind, auf Unrecht nicht mit Unrecht zu antworten. Es ist die große Herausforderung, sich von einem korrupten System nicht korrumpieren zu lassen, sich nicht anstecken zu lassen von der Lebensweise der Unterdrücker. Es ist die Herausforderung, sich den Traum, die Vision einer auf Gerechtigkeit gegründeten Gesellschaft nicht nehmen zu lassen, allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz.Keim des WiderstandsDiese Haltung ist ein ,Samenkorn des Widerstandes‘. Sie ist Beginn einer besseren Zukunft, weil sie die Unterdrückung der Schwester und des Bruders radikal zurückweist. Sie ist Licht für die Völker, sie öffnet Blinden die Augen, holt Gefangene aus dem Gefängnis und befreit, die in Dunkelhaft sitzen.