Selbstbesteuerer aus Oberösterreich unterstützen Kampf um Boden
Ausgabe: 1999/01, Selbstbesteuerung
08.01.1999
- Stefan Hindinger
1999 ist für 96 Familien im Landlosenlager „Wagner“ das erste Jahr, in dem sie vor Übergriffen durch bezahlte Mörder sicher sind. Auch ein Erfolg für den oberösterreichischen Verein zur Unterstützung der Kleinbauern und Landlosen in Rui Barbosa.Das Campamento „Wagner“ liegt 500 km nordwestlich von Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. 1996 besetzten 400 Familien die Fazenda São Sebastião, deren 96 Hektar Land zehn Jahre brach lagen. „Wir waren vom Hunger getrieben“, erzählt die Dorfleiterin Neusa. Die kleine zierliche Afrobrasilianerin fuhr durch die Städte und warb um Mitstreiter. Hunderte Familien schlossen sich an. Sie machten mehrere Besetzungen und Vertreibungen in den letzten drei Jahren mit. 96 Familien haben den Kampf mit Behörden und Großgrundbesitzern durchgehalten. Vor wenigen Monaten wurde der Besitzer enteignet. Das Land gehört nun dem Institut für Agrarreform, einer staatlichen Behörde. Die Familien können das Land legal bewirtschaften. Die Zeit der Angst vor den Pistoleros der Großgrundbesitzer gehört der Vergangenheit an. In zehn Jahren werden die derzeitigen Landbesetzer die Möglichkeit haben, rechtmäßige Eigentümer zu werden.Die Behausungen aus Abfallmaterial der Anfangszeit – sie sind typisches Zeichen für ein Campamento, wie die Lager der Landlosen in Brasilien genannt werden – sind nun Holz-Lehmhütten gewichen. Zwei Familien leben in einer dieser einfachen Behausungen, erzählt die Dorfleiterin. Eine Architektin plant die künftige Siedlung aus massivem Baumaterial. Der Staat errichtete eine Schule. Die Lehrkräfte bezahlt die Gemeinde. Im hinteren Teil des ehemaligen Herrschaftshauses der Fazenda backen Jugendliche Brot für die Bewohner. Land gemeinsam nutzenEin Manko gibt es bei der medizinischen Versorgung. Die Krankenstation wurde von der Gemeinde aus Geldmangel geschlossen. Die Bewirtschaftung erfolgt gemeinschaftlich. Die Familien pflanzen Gemüse, Bohnen, Ananas und Bananen. Im Gegensatz zu vielen anderen Grundstücken der Region ist der Boden fruchtbar. Da durch das Gebiet ein Bach fließt, kann bewässert werden. Sogar Mais wird angebaut, berichtet die Dorfleiterin stolz. Die Erträge werden gegen Fleisch eingetauscht. Im Campamento gibt es außerdem eine Milchkuh, ein Pferd und Geflügel. Und wie in jedem Dorf in Brasilien darf auch hier ein Fußballplatz nicht fehlen. Das Lager der ehemals Landlosen ist basisdemokratisch organisiert. Je zehn Familien wählen einen Sprecher, die das zehnköpfige Leitungsteam des Campamentos bilden. Die „kleinen“ ProblemeNatürlich gibt es auch Schwierigkeiten, aber im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren sind das für Dorfleiterin Neusa nur „kleine Probleme“. Manche Bewohner wollen beim Anbau nicht mithelfen und erbetteln sich die Nahrung. Jahrelange Unselbständigkeit als Arbeiter bei den Großgrundbesitzern haben deutliche Spuren hinterlassen.Auch wenn der Kampf gegen Großgrundbesitzer und Behörden erfolgreich geschlagen ist, sind die Probleme nicht weg. Viele sind Analphabeten und haben größte Schwierigkeiten das Land zu verwalten. Neusa aber ist optimistisch, auch dafür eine Lösung zu finden.Landreform ein DauerthemaUngerechte Landverteilung, extreme Arbeitslosigkeit, schlechte medizinische und schulische Versorgung kennzeichnen die Situation auf dem Land in Brasilien. Die anhaltende Dürre im Nordosten verschäft die sozialen Probleme. Immer mehr Menschen schließen sich der Bewegung der Landlosen (MST) an und besetzen BrachlandZur Landreform gibt es keine soziale und wirtschaftliche Alternative. Die Umverteilung des Bodens ist die einzige Chance, die weitere Abwanderung verarmter Landarbeiter in die Großstädte aufzuhalten. Fünf Millionen landlose Familien gibt es in Brasilien. Angesichts dieser Zahl sind die 100.000 Enteignungen pro Jahr viel zu wenig. Landlosenbewegung und katholische Kirche fordern seit Jahren eine zügige Umsetzung der Landreform. Immer wieder gibt es gewaltsame Vertreibungen durch Polizei, Militär oder den von Großgrundbesitzern bezahlten Mördern. Oft dauert es Jahre, bis die Enteignung durchgeführt wird und das Land rechtmäßig bewirtschaftet werden darf. „Wir brauchen Erwachsenenbildner. Die Regierung jedoch hat kein Interesse, dafür Mittel zur Verfügung zu stellen“, spricht Schwester Theresa von der Kommission für Landpastoral (CPT) das Problem an. Entwicklungshilfeorganisationen sollen hier unterstützend einspringen. Ziel ist es jedoch, den Staat in die Pflicht zu nehmen, die Erwachsenenbildung künftig zu finanzieren.