Serbisch-orthodoxes Kloster im Kosovo nutzt weltweites Computernetz
Ausgabe: 1999/07, Sava, Botschafter, Mönch
23.02.1999
- Josef Kirchengast
Die Forderung nach der Teilnahme kirchlicher Vertreter bei den Kosovo-Verhandlungen in Rambouillet bei Paris hat die Staatsführung in Belgrad ignoriert. Dennoch ist eine serbisch-orthodoxe Delegation vor Ort, um die Standpunkte der Kirche zu vertreten.„Es ist besser, vor einem Krieg miteinander zu sprechen, als nachher. Aber unsere Botschaft kam nicht an.“ Bruder Sava, mit vollem bürgerlichen Namen Sava Janjic, ist Vizeabt des serbisch-orthodoxen Klosters Visoky Decani im Westen des Kosovo. Sava ist auch Sekretär des Bischofs von Prizren und Metropoliten des Kosovo, Artemije. Spät, aber vielleicht nicht zu spät versuchen der Bischof und der Mönch derzeit, ihrer Botschaft mehr Gehör zu verschaffen: als Mitglieder einer Beobachterdelegation bei den Kosovo-Friedensverhandlungen auf Schloß Rambouillet bei Paris. Ihr Versuch, in die offizielle serbische Delegation aufgenommen zu werden, scheiterte. So wie Bischof Artemije bisher vergeblich das Gespräch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gesucht hat. Der Beobachtergruppe, der auch der Metropolit von Montenegro, Ampilochie, der Führer einer kirchennahen Vereinigung der Kosovo-Serben, Momcilo Trajkovic, und der Belgrader Historiker Dusan Batakovic angehören, geht es unter anderem um Schutzgarantien für die rund 1300 serbischen Kirchen und elf Klöster im Kosovo. Ein Besuch im Kloster Decani macht deutlich, warum der Kosovo auch nicht-nationalistischen Serben soviel bedeutet. Wenige Tage vor Beginn der Pariser Verhandlungen hatten österreichische Caritas-Vertreter und Journalisten Gelegenheit, mit Bruder Sava zu sprechen. Kaum ein Haus in Decani, 90 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Pristina, ist verschont geblieben vom serbischen Artilleriefeuer im vergangenen Frühsommer. Überall zerschossene Dächer und rauchgeschwärzte Ruinen. Ein paar Kilometer außerhalb der Kleinstadt eröffnet sich mit dem Durchschreiten des Klostertors von Visoky Decani („Hoch-Decani“) eine andere Welt. Eines der prächtigsten Kulturdenkmäler aus dem mittelalterlichen serbischen Königreich entfaltet seine atemberaubende Schönheit. Die Kirche mit ihren mehr als tausend Fresken aus dem 14. Jahrhundert, alle im Originalzustand, läßt den Besucher verstummen und nachdenklich werden. „Der Kosovo ist nicht nur die Seele und das Schicksal des serbischen Volkes, sondern auch ein Synonym für das Wichtigste, was das serbische christliche Volk für das Christentum geleistet hat“, heißt es in einer Erklärung der Beobachterdelegation in Rambouillet. Das klingt aufs erste nicht viel anders als die Argumente, mit denen das Belgrader Regime seine Repression und den späteren Feldzug gegen die Kosovo-Albaner zu rechtfertigen versuchte und versucht. Aber Visoky Decani ist keine Trutzburg des Serbentums. Im Gegenteil. Von hier aus geht seit vielen Monaten die Botschaft der Versöhnung in die nahe und weitere Umgebung. Bruder Sava hat eine Homepage im Internet (http:// www.decani.yunet.com) eingerichtet. Auf die tägliche Post, die bei der E-Mail-Adresse (decani@EUnet.yu) einlangt, kann er oft gar nicht mehr antworten. Die Information und Kommunikation via Internet versteht Sava auch als demokratiepolitische Entwicklungshilfe. Im Kosovo gebe es praktisch keine freien Medien. „Die serbische Bevölkerung glaubt nur der täglichen Gehirnwäsche im serbischen Fernsehen. Wenn es dort heißt: Alles, was heute weiß ist, ist ab morgen schwarz, dann glauben sie es.“ Gewalt verurteiltBischof Artemije habe sich immer für das Zusammenleben von Serben und Albanern ausgesprochen, sagt Sava. Die orthodoxe Kirche sei nicht Motor des serbischen Nationalismus, vielmehr versuche das Belgrader Regime, sie zu instrumentalisieren. Den in diesem Zusammenhang kritisierten serbisch-orthodoxen Patriarchen Pavle verteidigt Sava. Pavle betone, daß nationale Interessen nicht mit Gewalt verteidigt werden dürften. „Und Pavle sagt: Es ist besser, tot als kriminell zu sein.“ Das Kloster ist seit langem Ort der Begegnung und des Dialogs. Ibrahim Rugova, Präsident der Kosovo-Albaner, war schon mehrmals da. „An einem Tag kam Momcilo Perisic (der inzwischen von Milosevic abgesetzte jugoslawische Generalstabschef, Red.), am nächsten Adem Demaci (politischer Sprecher der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK, Red.).“ Wie sein Bischof verurteilt Sava die Gewalt der serbischen Sicherheitskräfte ebenso wie jene der UÇK. Für die gegenwärtige Lage sei die Repression Belgrads noch mehr verantwortlich als der albanische Separatismus: „Solange es sich nicht demokratisiert, hat Serbien kein Recht, die Albaner im gemeinsamen Staat zu halten.“