Ausgabe: 1999/07, Sri Lanka, Frauen, Familienfasttag
23.02.1999
- Eleonore Bayer
Rund zehn Millionen Tonnen grüne Teeblätter werden jährlich meist von Frauen gepflückt. Eine von ihnen ist Suppiah Saraswathie. Sie ist 50 und war ihr Leben lang Teepflückerin – so wie ihre Vorfahren, die vor hundert Jahren von den Briten aus Indien in die Teeplantagen des zentralen Hochlands von Sri Lanka geholt wurden. Bis heute gelten hier die Tamilen als rechtlose Gastarbeiter. Saraswathie klaubt Tag für Tag mit flinken Fingern die Pflanzen ab. Innerhalb von acht Stunden muß sie mindestens zehn Kilo ausgewählte, gute Teeblätter ernten, um den Tageslohn von 83 Rupien (rund 15 Schilling) zu erhalten. Der Verdienst reicht kaum zum Überleben. Pflückt sie weniger als zehn Kilo, wird ihr sogar dieser geringe Lohn noch halbiert. Falls sie sich in der Früh verspätet und nicht pünktlich um 7.30 Uhr mit der Arbeit beginnt, dann kann sie an diesem Tag überhaupt nichts verdienen. Lebenslohn als MitgiftNur in den Regenmonaten Mai und Juni kann eine Pflückerin bis zu 40 kg pro Tag ernten. Sie bekommt dann drei Rupien extra für jedes Kilo. Meist können die Pflückerinnen nur hoffen, den Durchschnitt von zehn bis zwölf Kilo pro Tag zu erreichen. Arbeit gibt es normalerweise nur 240 bis 260 Tage im Jahr, das heißt, sie können im Schnitt nur in acht von zwölf Monaten Geld verdienen.Ein Teil ihres geringen Lohnes wird monatlich abgezogen und von der Plantage in einen Pensionsfonds einbezahlt. Die Ersparnisse eines Lebens können sich auf 90.000 Rupien (etwa 16.000 Schilling) belaufen, aber das meiste davon, wenn nicht alles, muß als Mitgift für die Tochter bezahlt werden, wenn sie heiratet. Da es kein fixes Pensionsalter gibt, pflücken die Frauen Tee so lange sie nur können.LebenslänglichEs steht zwar allen frei, die Plantagen zu verlassen und anderswo neu zu beginnen. Jedoch die meisten verbringen ihr ganzes Leben – von der Geburt bis zum Tod – in einer Plantage. Der Ehemann von Saraswathie, Mari Velu, 51, ist ein Bewohner der vierten Generation in der Teeplantage. Als „Kangani“ oder Aufseher hat er zwar schon einen höheren Status, vedient aber nur um 50 Cents pro Tag mehr als seine Frau.Das Ehepaar hat drei Kinder. Der älteste Sohn ist 17. Als er vor fünf Jahren an Kinderlähmung erkrankte, mußte er die Plantagenschule verlassen. Nachdem er sich von der schweren Krankheit erholt hatte, arbeitete er kurze Zeit in der Hauptstadt Colombo. Doch der fehlende Personalausweis wurde ihm zum Verhängnis. Seit seiner Rückkehr ist er arbeitslos. Seine 14jährige Schwester und sein 12jähriger Bruder gehen noch zur Schule. Zuletzt in der KindheitDie Familie lebt in einer Baracke. Saraswathie wacht jeden Morgen um 5.30 h auf. Sie wird vom Geräusch des Radios des Nachbars geweckt. Sie selbst hat keines, weil ihr Radio gemeinsam mit vielen anderen Wertgegenständen verkauft werden mußte, als der älteste Sohn ins Spital mußte. Ein Fernseher war ohnehin immer jenseits ihrer Mittel. Einen Film sah Saraswathie zuletzt in ihrer Kindheit. Das Haus hat keinen Strom. Niemand von den 85 ArbeiterInnen in dieser Plantage hat einen Stromanschluß, obwohl die Möglichkeit dazu bestünde. Doch die 7500 Rupien Anschlußgebühr kann sich keine Familie leisten. Zum Kochen und Waschen muß Holz für das Feuer gesammelt werden. Das erledigt die Tochter. Wasser gibt es bei einem gemeinsamen Anschluß für jede Häuserreihe. Allen BewohnerInnen stehen nur wenige Toiletten zur Verfügung.Hoffnung lebt weiterSaraswathie hat sich daran gewöhnt, daß es hier nichts als Teeplantagen gibt. Die nächste Stadt liegt fünf Kilometer entfernt, und es ist schwierig, sich mit Gepäck zu Fuß auf den Weg zu machen. Die Plantagenstraßen sind so schlecht, daß es schwierig wäre, mit dem Rad zu fahren. Dabei besitzen ohnehin nur ganz wenige ein Fahrrad. Nur einmal kam Saraswathie bisher in die Hauptstadt Colombo.Saraswathie sieht sich nicht als Analphabetin, obwohl sie nur zwei Jahre in die Schule gegangen ist. Sie hat auch noch nicht alle Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben. Seit sie sich mit Kolleginnen zu einer Frauengruppe zusammengeschlossen hat, fühlt sie sich gestärkt für den harten Alltag. Die Frauen wollen sich nicht unterkriegen lassen. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Ausbeutung und setzen sich gegen Gewalt an Frauen und Kindern ein.FamilienfasttagEinzelne Frauengruppen in Sri Lanka sind in einem Dachverband (PEFDA) zusammengeschlossen, der Weiterbildung und Gesundheitsvorsorge organisiert. Frauen werden über ihre Rechte informiert. Damit wird Tamilen der Zugang zu Sozialleistungen ermöglicht. Die Katholische Frauenbewegung Österreichs unterstützt diese Arbeit mit finanziellen Mitteln aus dem „Familienfasttag“.