Kardinal Daly: Kirche hat Einfluß nur durch die Überzeugung der Bürger
Ausgabe: 1999/07, Kardinal Daly
23.02.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Er macht einen eher unscheinbaren Eindruck: Kardinal Cahal Brendan Daly, ehemaliger Primas der katholischen Kirche in Irland, steht auf der „grünen Insel“ für den Einsatz um Versöhnung und sozialen Frieden. Im Gespräch mit der Kirchenzeitung nimmt er zu aktuellen Fragen Stellung.Die irischen Bischöfe haben 1993 einen Hirtenbrief unter dem Titel „Arbeit ist der Schlüssel“ veröffentlicht. In den letzten Jahren hat Irland einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Wer sind seine Hauptnutznießer?Daly: Die meisten Iren profitieren von diesem Wirtschaftsaufschwung. Je weiter man die soziale Stufenleiter jedoch hinuntergeht, umso geringer fällt der persönliche Nutzen dieser Entwicklung aus. Die Verteilung ist alles andere als ausgewogen und gerecht. Vor allem die Langzeitarbeitslosen – und hier wiederum speziell die älteren – haben nur eine sehr geringe Chance, in den Arbeitsprozeß zurückzukehren.Es ist für mich immer ein Skandal, wenn multinationale Konzerne fast ohne Vorwarnung eine Firma in Irland zusperren und diese zum Beispiel nach Marokko oder Pakistan oder in sonst ein Land verlagern, wo die Arbeit billiger ist. Dies geschieht ohne große Skrupel den Arbeitern gegenüber, die entscheidend zum Gewinn beigetragen haben, der im Laufe der Jahre in Irland gemacht worden ist. Solche Entscheidungen werden nur vom Profitstreben bestimmt.KolonialisierungEin Thema von besonderer Bedeutung ist der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland. Welche Rolle spielt in dieser Auseinandersetzung die Religion wirklich?Daly: Es ist auf jeden Fall kein religiöser Konflikt in dem Sinn, daß sich die Leute wegen ihrer religiösen Überzeugung bekämpfen. Man muß hier einen Blick auf die Geschichte werfen. Aus historischen Gründen sind die sogenannten „Unionisten“ normalerweise Protestanten. Ihre Vorfahren waren von den Briten nach Irland geschickt worden, um Irland zu kolonialisieren und protestantisch zu machen. Sie kamen von Schottland und England und ließen sich vor allem in Nordirland nieder. Die britische Regierung wiederum begünstigte diesen Teil der Bevölkerung sowohl politisch als auch wirtschaftlich.Die Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken haben zwei Hauptursachen: Da ist zum einen die Erfahrung der Diskriminierung der Katholiken durch die protestantischen Unionisten und zum anderen eine bestimmte Sichtweise, die den Protestantismus vor allem als antirömisch definiert. Garantie für GleichheitWas jedoch auch immer in der Vergangenheit gewesen sein mag, inzwischen beginnt sich die Situation zu ändern. So hat etwa eine knappe Mehrheit der Protestanten in Nordirland dem Abkommen zugestimmt, das ausdrücklich beiden Traditionen – der protestantischen und der katholischen – Gleichheit garantiert. Weiters besagt es, daß es die Regierung akzeptieren würde, sollte sich irgendwann einmal eine Mehrheit des nordirischen Volkes für ein vereinigtes Irland entscheiden. Das ist eine bemerkenswerte Einstellungsänderung auf seiten der Unionisten, die immer gesagt haben, daß es niemals ein vereinigtes Irland geben würde.In Irland scheint der Einfluß der Kirche im politischen Bereich stärker zu sein als in Österreich. Daly: In Irland besteht wie in den meisten modernen Demokratien eine Trennung von Kirche und Staat. Rechtlich ist diese sogar strenger als in Österreich. In Irland gibt es keinen Kirchenbeitrag und die Kirche erhält keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat. Den Einfluß, den die Kirche hat, hat sie nicht als Kirche an sich, sondern indirekt durch die Überzeugungen von Bürgern, die ihr Gewissen durch die Lehre der Kirche bilden lassen. Sie machen somit von ihrer Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch, wobei sie in der Wahlzelle nicht aufhören, Christ zu sein, wie sie auch nicht aufhören, Bürger zu sein, wenn sie in die Kirche gehen.Auf welche Weise hat sich die katholische Kirche in Irland in den letzten zehn Jahren verändert?Daly: Da wäre zunächst eine Abnahme bei der Zahl der Kirchgänger zu nennen. In den frühen 70er Jahren gingen durchschnittlich 82 Prozent der Gläubigen am Sonntag zur Messe. Bis in die 90er Jahre ist die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger am Sonntag auf 64 Prozent zurückgegangen. Der größte Rückgang war bei den jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren zu verzeichnen. Die Evangelisierung der Jugendlichen wird also eines unserer Hauptanliegen sein müssen.Viele Missionarinnen und Missionare aus Irland leben in aller Welt. Wie sehen Sie die Kirche an der Schwelle zum dritten christlichen Jahrtausend?Daly: Der Mittelpunkt der katholischen Welt verlagert sich nach Afrika, Asien und Lateinamerika, obwohl es auch deutliche Anzeichen der Vitalität in der europäischen Kirche gibt. Wenn wir heute auch von Irland aus bedauerlicherweise keine Missionarinnen oder Missionare mehr aussenden können, so ist es doch erfreulich zu sehen, daß sie in ihren Einsatzgebieten gar nicht mehr gebraucht würden, weil ihre Arbeit durch Gottes Hilfe so erfolgreich war. So gibt es etwa in Nigeria oder Kenia, zentrale Länder irischer Missionsarbeit, eine Fülle an Berufungen. Insgesamt ist meine Bilanz über die Situation der Weltkirche durchaus eine positive.Interview: Helmut Dellasega