Sonntag für Sonntag werden wir aufgefordert: Nehmet und trinket, das ist „der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für Euch und für alle vergossen wird“! Die Existenz ihres Bundes, der alle Menschen miteinbezieht, stellt Christen vor die Frage, wie sich ihr Bund zu jenem Bund verhält, den Gott mit dem Volk Israel eingegangen ist. Alle Antworten sind mit einer schweren Hypothek belastet. Die Kirchenväter glaubten, der Bund Gottes mit Israel sei seit dem Tod Jesu gebrochen. Das Volk sei verblendet, ja sogar verstoßen! So überlieferten Juden zwar die biblischen Texte, sie seien aber mit Archivaren zu vergleichen, die nichts von dem verstehen, was sie aufbewahren. Ihre Hoffnung liegt in der Bekehrung zu Christus. Spätestens am Ende der Tage würden sie auch Jesus als Messias anerkennen. Diese klare Substitutionsthese (Ersetzung der Synagoge durch die Kirche) verschloß Christen die Augen für das eindeutige neutestamentliche Urteil über die Beziehung Gottes zu seinem Volk. Gott hat Israel nicht verstoßen? Seine Erwählung ist unwiderruflich! Ganz Israel war, ist und wird „ein heiliges Volk“ sein, ja Gottes „Eigentum“. Warum gibt es dann aber einen neuen Bund? Und wie verhalten sich beide Bünde zueinander? Ein Warum ohne AntwortEine eindeutige Antwort ist uns Christen nicht möglich; und nicht nur dies: Die Versuchung zur Eindeutigkeit hat uns zur Sünde verführt! Das theologische Verhältnis von Christentum und Judentum bleibt im Geheimnis Gottes aufgehoben; wir können nur den Spuren dieses Geheimnisses nachgehen. Zwei Richtlinien sind dabei von Bedeutung. Zum einen ist es der Gedanke, daß auch die Völker sich zum „Ewigen“ zuwenden. Diese Hoffnung ist integraler Bestandteil jüdischer Tradition. Wenn im Lu-kasevangelium vom Jesus-Kind gesagt wird, es sei „ein Licht, das die Heiden erleuchtet“, so dürfen Christen für sich selbst in Jesus jenen Messias sehen, der uns, die Heiden, in die Erwählungsgeschichte seines Volkes eingeladen und mitgenommen hat. Als Heiden wurden wir in das eigentliche Bundesvolk „eingepfropft“. Nur auf diesem Weg kann die Eigenart des Bundes, der in Jesus geschlossen wurde, begriffen werden, nicht aber mit den Kategorien von Bundesbruch und Bundeserneuerung. Denn, und dies ist die zweite Richtlinie, Bundesbrüche seitens des Menschen und Bundeserneuerungen durch Gott gehören zwar zur biblischen Geschichte. Aber weder Juden noch die „eingepfropften“ Christen haben das Privileg, die Dramatik von Bruch und Erneuerung aufzulösen. Alle sündigen und Gott erbarmt sich auch aller. So ist der neue Bund in Jesus zwar neu, weil er letztendes vorrangig für Heiden geschlossen wurde. Hoffnung „Neues Herz“Wird aber in bezug auf menschliche Treue über den neuen Bund gesprochen, so ist er keineswegs „neu“. Er ist „alt“, wie jener Bund, den die Propheten ins Visier ihrer Kritik genommen haben. Verrat, Treuebruch und Götzendienst zeichnen auch Christen aus. Die Hoffnung auf den „neuen Bund“, jenen Bund, der die Herzen grundlegend verwandelt, ist uns Christen genauso eigen wie Juden. Eine solche Bestimmung des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum macht klar, daß der „edle Ölbaum“ auch ohne die „eingepfropfte Zweige“ leben kann, die Zweige aber unaufhörlich des Baumes bedürfen. Wir (und nur wir) müssen unser Verhältnis zu jenem Stamm, der uns trägt, neu überdenken. Wir müssen uns dankbar auf die gemeinsame Vielfalt besinnen, und auch das Unterscheidende (hier vor allem den Glauben an den dreifaltigen und den menschgewordenen Gott) akzeptieren.Dr. Jozef Niewiadomski, Professor für systematische Theologie, Universität Innsbruck. Zum Weiterlesen:Jakob Petuchowski, Clemens Thoma, Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung. Hintergründe, Klärungen, Perspektiven. Herder Spektrum 4181.Jer 31, 31–33Seht, es werden Tage kommen, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde . . . Das wird der Bund sein, den ich schließe: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Sach 2, 15An jenem Tag werden sich viele Völker dem Herrn an-schließen, und sie werden mein Volk sein, und ich werde in deiner Mitte wohnen.Lk 2, 30f.Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht das die Heiden erleuchtet . . .Röm 11 Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! . . . Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist es auch der ganze Teig; ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige. Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden und wenn du als Zweig vom wilden Ölbaum in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der Kraft seiner Wurzel, so erhebe dich nicht über die anderen Zweige. Wenn du es aber tust, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich . . . Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt . . . Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen . . . O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!