Parzinger: Pinochet könnte einlenken und Opfer um Verzeihung bitten
Ausgabe: 1999/09, Chile, Pinochet
02.03.1999
- Walter Achleitner
Die diplomatische Initiative eines hochrangigen Vatikanvertreters zur Freilassung von Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet hat weltweit Kritik ausgelöst. Rom hätte diesen Schritt wenigstens mit einer Bedingung verknüpfen können, meint der in Tirol geborene chilenische Bischof Sixtus Parzinger: „Daß Pinochet einmal ein Wort der Reue über die Lippen bringt.“Im November wurde es in Rom noch dementiert, nun hat es die britische Regierung bekanntgegeben: Der Vatikan hat sich für die Freilassung Augusto Pinochets eingesetzt. Wie wurde diese Nachricht in Chile aufgenommen?Parzinger: Es gab Demonstrationen in Santiago. Besonders die Angehörigen der Verschwundenen haben vergangene Woche protestiert. Sie sagen, es muß auf jeden Fall ein Gerichtsprozeß angestrengt werden. Wie sehen Sie diesen diplomatischen Vorstoß Roms?Parzinger: Ich meine, Rom hätte diesen Schritt mit einer Bedingung verbinden können und sagen: wenn Pinochet Reue zeigt, dann werden wir ganz für ihn eintreten. Aber das hat er bisher nicht gemacht. Ich glaube, nach 25 Jahren braucht Chile den Frieden, und als Christen müssen wir auch verzeihen können. Das ist ein langer und tiefer Prozeß, der allerdings nicht leicht ist. Vor der VersöhnungAber Verzeihenkönnen setzt doch Gerechtigkeit voraus?Parzinger: Natürlich! Das ist die Voraussetzung. Darum erwarten wir doch auch von Pinochet, daß er einmal ein Wort der Reue über die Lippen bringt. Das ist bisher nicht geschehen. Ja, er müßte ein Zeichen setzen und sagen, das, was er getan hat, war nicht richtig. Das wäre das mindeste. Es wäre das größte Zeichen der Erleichterung: Aha, jetzt hat er endlich eingesehen. Sie sagen das mindeste, was man erwarten kann. Was könnte Pinochet noch tun, um seine Reue unter Beweis zu stellen?Parzinger: Ja, daß er auch die Mütter der Opfer und Verschwundenen um Verzeihung bittet. Den Generälen, den Soldaten und Offizieren raten, sie sollen angeben, wo all jene liegen, die sie umgebracht haben. Und in der aufgeheizten Situation in Chile könnte er auch den Militärs raten, nicht mit den Säbeln zu rasseln. Nuntius in ChileDie Initiative für Pinochet wurde auch mit Kardinal Angelo Sodano in Verbindung gebracht, der von 1977 bis 1988 Nuntius in Chile war und heute als Kardinalstaatssekretär den Papst politisch berät. Wie haben Sie ihn erlebt?Parzinger: Er war ein ruhiger Mann, er hat da mehr als konservativ gegolten. Anfänglich hat er sich dagegen ausgesprochen und gesagt, was hier passiert ist Mord – also gegen das 5. Gebot. Aber sonst hat man da weiter nichts gehört. Und Sodano war verantwortlich dafür, daß es beim Besuch von Johannes Paul II. in Santiago 1987 zu einer viel längeren Begegnung mit Pinochet gekommen ist, als ursprünglich geplant war?Parzinger: Aber sicher, er war doch der Beauftragte. Statt 20 Minuten dauerte das Treffen mit Pinochet 40 Minuten.Und das war nicht im Sinne der Bischofskonferenz?Parzinger: Das kann schon sein, daß da einige Bischöfe dagegen waren. Ja, wegen des Vorwurfes, er sei verantwortlich für die Folter. Und weil eben damit Pinochet aufgewertet worden ist. Aber ich denke, der Papst ist doch immer so klug, der weiß das schon zu lenken und der hat ihm schon ins Gewissen geredet. Mehr kann er ja auch nicht machen. In den 80er Jahre haben mehrere Bischöfe all jenen die Exkommunikation angedroht, die foltern, Folter anordnen oder diese nicht verhindern. Parzinger: Ja, sehr richtig, und das wurde auch nicht zurückgenommen. Dieselben Bischöfe halten diese Position aufrecht: Es muß bestraft werden und Gerechtigkeit geschaffen werden. Aber das ist so schwierig, weil ja ein Teil der Leute – die Rechtsgerichteten – das mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, verhindern wollen. Gibt es in der chilenischen Bischofskonferenz eine gemeinsame Linie zum Thema Pinochet?Parzinger: Doch, aber es ist eben so schwierig. Wenn man wünscht, daß er zurückkommt, dann weiß man, daß er hier nicht gerichtet werden kann. Und im Ausland will man es ebenfalls nicht. Da weiß man keinen Ausweg. Und so lange Pinochet keine Reue zeigt, ist da auch nichts zu wollen. Es ist wie eine ganz verfahrene Sache. Aber hier besteht schon die Überzeugung, er muß gerichtet werden, es muß Gerechtigkeit geschaffen werden. Aber nicht in allen Fällen. Einige Fälle sollen exemplarisch untersucht werden. Bei den anderen könnte man dann ins Gespräch kommen, um zu verzeihen. Weg der VermittlungWo liegt in Ihren Augen heute die Herausforderung für die katholische Kirche in Chile?Parzinger: Ich meine, die Kirche muß einen Mittelweg finden zwischen den polarisierten Meinungen. Die einen sind für die Verurteilung Pinochets, die anderen dagegen. Beides ist richtig: Gerechtigkeit und auch das Gespräch über die wirkliche innere Verzeihung. Das ins Gespräch zu bringen, führt zur wirklichen Erneuerung.