Juden waren zunächst das einzige Volk, das einen Gott verehrte. Schon in vorchristlicher Zeit entstand ein Gegensatz zum umgebenden Heidentum. Einige späte Bücher des Ersten Testaments berichten davon, z. B. Esther und Daniel. Zur Zeit der Jesusbewegung und des entstehenden Christentums gab es mehrere Gruppen im Judentum, die einander oft mit scharfen Worten bekämpften. Auf diesem Hintergrund ist auch die Polemik Jesu gegen die Pharisäer zu verstehen.Jesus verkündigte ein Gottesreich, das mit seinen Lehren und Wirken eigentlich schon begonnen hat. Die Mehrheit des zeitgenössischen Judentums hatte andere, im Ersten Testament wohl begründete Vorstellungen: nationale Unabhängigkeit und allgemeiner weltumspannender Friede. Die innerjüdische Polemik der an Jesus als den Christus glaubenden Juden gegen andere Juden, die diesen Glauben nicht teilten, wurde bald zur Polemik der anderen gegen die Juden, verstärkt durch den schon vorhandenen heidnischen Antijudaismus. Eigennutz des VorurteilsWenn Israel des Bundes verlustig ging (vgl. das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl, Mk 22, 1–14, das zunächst nur innerjüdische Polemik ist), dann war die Konsequenz, daß „der Ältere dem Jüngeren dienen“ sollte. Dieser Satz (Gen 25, 23), der sich zunächst auf Esau und Jakob bezog, wurde als Prophetie des Verhältnisses des Judentums zur christlichen Kirche verstanden. Eine Folge davon war die Theorie, daß die Juden wegen ihres Unglaubens an die Messiaswürde Jesu „zu ewiger Knechtschaft“ dem christlichen Herrscher gegenüber verpflichtet seien, und diese nützten es weidlich zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil aus. In der christlichen Kunst kam seit dem 9. Jh. das Motiv von Kirche und Synagoge unter dem Kreuz auf. Die Kirche empfängt in einem Kelch das heilbringende Blut aus der Seitenwunde Christi und ist gekrönt, die blinde Syn-agoge hingegen wendet sich vom Kreuze ab und verliert ihre Krone. Die Blindheit der Synagoge wird durch einen Schleier über den Augen, aber auch durch die Paradiesschlange zum Ausdruck gebracht. Die so verteufelten Juden beschuldigte man im Mittelalter aller möglichen Untaten: Hostienschändung, Ritualmord, Brunnenvergiftung. Massenmorde an Juden waren die Folge davon. Doch brachten z. B. Bluthostien für die Plätze, wo sie verehrt wurden, auch wirtschaftlichen Gewinn: So stellte 1297 ein Priester in Korneuburg eine von ihm selbst besudelte, nicht konsekrierte Hostie aus, die er als Bluthostie ausgab, bis Papst Benedikt XII. diesen Fall aufdecken konnte. Allerdings, zehn Juden wurden damals in Korneuburg verbrannt.Die Geschichte der österreichischen Juden im Mittelalter endete für die Länder oberhalb und unterhalb der Enns 1420/21 mit der „Wiener Gesera“. Mehr als 200 wurden auf der Gänseweide in Erdberg öffentlich verbrannt. Andere wählten den Freitod in der Synagoge von Wien. 1496 kam es dann zur Vertreibung aus Kärnten und der Steiermark, zwei Jahre später aus Salzburg. Dennoch wurden die judenfeindlichen Legenden weiter tradiert. Das markanteste Beispiel ist das „Anderl von Rinn“ in Tirol, dessen Verehrung des angeblichen Ritual-mordopfers erst in diesem Jahrhundert abgeschafft wurde.Prof. em. Dr. Kurt Schubert, Gründer und langjähriger Leiter des Instituts für Judaistik an der Universität Wien.Zum Weiterlesen:Kurt Schubert, Jüdische Geschichte, Beck’sche Reihe,1996.In der 5. Strophe des „Pange lingua“ (Gotteslob 543/544) heißt es: „Das Gesetz der Furcht muß weichen, da der Neue Bund begann; Mahl der Liebe ohnegleichen: nehmt im Glauben daran teil.“ Hier wird antijüdische Polemik betrieben, die das Judentum als „Gesetzesreligion“ und die Tora als einengendes Regelwerk mißversteht. Dem Furcht gebietenden, strafenden Gott des Alten Bundes, wird die unermeßliche Liebe des Neuen entgegengesetzt. Liedtexte genau anschauenDer Erwachsenenkatechismus der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1985 (63, 75) hat darauf hingewiesen, daß der Glaube an den einen Gott, der gnädig und barmherzig ist, auch der Glaube des heutigen Judentums ist. Der neue „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK) hat eindeutig klargestellt: Der Jude Jesus hat die Tora positiv gewürdigt (423, 577). Gottes Bund mit den Juden ist „unwiderruflich“ (839–840, 2173). Der Neue Bund hat den „Ersten Bund“ weder aufgehoben noch ersetzt (522). „Der Alte Bund ist nie wiederrufen worden“ (121).Dieselbe Problematik findet sich auch in der 4. Strophe des beliebten Prozessionsliedes „Deinem Heiland, deinem Lehrer“ (GL 831). Hier wird das Verhältnis der Kirche zu Israel mit den Gegensatzpaaren „neu – alt, Wahrheit – Zeichen, Licht – Nacht“ charakterisiert: „Durch das Lamm, das wir erhalten, wird hier der Genuß des alten Osterlammes abgetan; und der Wahrheit muß das Zeichen und die Nacht dem Lichte weichen und das Neue fängt nun an.“ Hier wird nicht nur das Judentum verunglimpft, die ChristInnen machen auch ihre eigenen Traditionen schlecht, zu denen sie sich doch ausdrücklich bekennen.Stellungnahme des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Wien 1997.