Dem Evangelium dieses Sonntags zu folgen ist mühsam: Theologische Fragen werden gestellt: Ist die Behinderung des Blinden eine Folge der Sünde? Wenn ja, eine Folge wessen Sünde? Mit kriminalistischer Akribie forschen einige Pharisäer, wann und wie der Blinde geheilt worden ist. Ist es wirklich jener Mann, der von Geburt an blind war und der jetzt freudig von seiner Heilung berichtet. Dann, als der nun Sehend-Gewordene Jesus einen Propheten nennt und sich zu ihm bekennt, wird ihm zu beweisen versucht, daß jemand, der sich nicht an das Schabbatgebot hält, ein Sünder ist und daher nicht von Gott kommen kann. Was geschehen war, daß nämlich ein Mann von seinem Leiden befreit wurde, wird so lange gedreht und gewendet, bis es jenen Pharisäern gerechtfertigt erscheint, den Mann aus der Synagoge auszustoßen – so, wie sie es schon beschlossen hatten, daß sie es mit jedem tun wollten, der Jesus als Messias, als von Gott Gesandten bekennt. So sehr sind sie in ihrem Glauben verhärtet, in ihren Gesetzen gefangen, blind für das Leben. Blind geworden für das Leben der MenschenSo spiegelt der Text den Glauben, die komplizierte Denkwelt dieser Menschen. Zur Zeit der Entstehung des Johannesevangeliums waren die Christen in den Gemeinden in Gefahr, „glauben“ mißzuverstehen wie einige Pharisäer zur Zeit Jesu (und wie wir heute vielleicht auch). Sie übernahmen bestimmte Verhaltensregeln und Bekenntnisformeln im Rahmen einer menschlich interessanten Gemeinschaft. Dieser Rahmen hatte und hat die Tendenz, so starr und fest zu werden, daß alle ausgeschlossen sind, die sich nicht einfügen. Wer so glaubt, wird blind für die Freuden, Probleme und Fragen der Menschen und für Gott. Das ist nicht der Glaube, den Jesus verkündet hat. Worauf es ankommt, lesen wir hier: Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16, 7). Der Geheilte ist sehend geworden, erkennt (im doppelten Sinn) Jesus. Eine moderne Legende erzählt, wie es möglich werden kann, von einer solchen Blindheit geheilt zu werden (Rotzetter/Krämer, Bist du es, der dein Steinen die Härte nimmt?): Bruder Tau besucht den verbitterten und verkrampft auf sich selbst zurückgeworfenen Blinden, der nichts mehr weiß vom Leben, von Bäumen und Blumen, von Freude, Problemen und Fragen der Menschen. Bruder Tau fordert ihn auf, aus dieser Nacht der Blindheit herauszukommen, er legt alle Wärme seines Herzens, das Licht seiner Augen und die Freiheit seiner Seele in seine Stimme. So kann seine Seele offen werdenUnd so gelingt es ihm, daß sich der Blinde ihm anvertraut, sich von ihm führen läßt. Bruder Tau führt ihn behutsam, er wird selber wie blind, daß er sich allmählich in die Wirklichkeit hineintasten kann. Der Blinde kann sich gehen lassen – in Bruder Tau hat er Augen bekommen, die alles Bedrohliche im Blick haben. So kann sich seine Seele öffnen für die Menschen und die Dinge und für Gott. Er sieht in sie hinein und wird sehend für alle Zeit.