Wie soll ich mich entscheiden? – immer wieder stehen wir vor dieser Frage, angefangen bei alltäglichen Handlungen bis hin zu wichtigen Entscheidungen. Die Möglichkeit und Notwendigkeit zu wählen fordert von uns, Auswahlkriterien zu formulieren und diese immer wieder zu überdenken. In der hebräischen Bibel begegnet uns im Wort bahar der entsprechende Begriff für „wählen“ mit der Bedeutung „genau hinblicken“, um prüfend abzuwägen, bevor man eine Entscheidung trifft. Bekannt ist dieses Wort v. a. in der Übersetzung „erwählen“, im Sinne von Gott erwählt. „Wohl dem, den Du erwählst“ schwärmt Ps 65 und verbindet damit die Vorstellung von Sicherheit und Wohlergehen, die Gott seinen Erwählten schenkt. Wer ausgewählt wird oder was zu einer Wahl führt liegt ganz bei Gott. Es muß Menschen nicht unmittelbar einsichtig sein, wie z. B. die Erwählung Davids zeigt. Erwählung ist aber keine Garantie oder gar einmalige Bestimmung, sondern ein Angebot, das von Gott an die Menschen ergeht. Denn ausgewählt zu werden fordert wiederum die Menschen zu einer Wahl auf, nämlich Gott für sich zu erwählen, seine Lebensordnungen anzuerkennen. Erwählt zu sein bedeutet, in einen ständigen Dialog mit Gott zu treten. Die Vorstellung der Erwählung einzelner Menschen, insbesondere des Königs, wird in Israel erweitert zur Vorstellung der Erwählung des ganzen Volkes. Nicht nur ein einzelner Repräsentant ist erwählt, sondern gleichermaßen alle Menschen des Volkes. Auch diese Erwählung geschieht nicht aufgrund einer besonderen Qualifikation Israels, die es nach menschlichen Maßstäben unter allen Völkern auszeichnet, sondern beruht allein auf der Zuwendung Gottes (Dtn 7, 7–8). Sie erfordert als Antwort, daß das Volk seine Entscheidung für Gott ernst nimmt. Dieser Gedanke der Sonderstellung als auserwähltes Volk ist die Basis, auf der die Gottesbeziehung Israels gründet. Aus dieser Gewißheit heraus werden Lob, Bitte und Klage ebenso formuliert wie die Aufforderung zur Umkehr. Erwählt zu werden und zu erwählen, diese gegenseitige Beziehung zwischen Gott und den Menschen stellt eine Grundlage dar, von der aus Leben gelingen kann. Sie bietet sowohl Geborgenheit und Sicherheit in der Vorstellung des „Erwählt-Seins“ als auch einen „prüfenden Blick“ für die Entscheidungen des Alltags.Susanne Gillmayr-Bucher