Tot geboren: Behelf für SeelsorgerInnen in einer Situation der Sprachlosigkeit
Ausgabe: 1999/10, Leonhartsberger
09.03.1999
- Maria Haunschmidt
Die Theologin Mag. Mar-tha Leonhartsberger aus Baumgartenberg hat kurz hintereinander zwei Buben Anfang des fünften Schwangerschaftsmonats verloren, Schicksalsschläge, die sie und ihren Gatten Franz tief erschüttert haben. Nach leidvollen Monaten der Trauer und Aufarbeitung hat die Mutter einer Tochter, des erstgeborenen Kindes Margarita, wieder etwas mehr „Bodenhaftung“, wie sie sagt. Dennoch vergeht auch jetzt kein Tag, an dem die frühere Pfarrassistentin von St. Nikola nicht an ihre Söhne Jordan und Manuel denkt. Sie sind unauslöschlich ein Teil der Familie/ngeschichte. Ermessen kann das Leid nur, wer ähnliches erlebt hat, erahnen läßt es sich, wenn man den berührenden „Brief“ des totgeborenen Jordan an seinen Vater liest. Auch die aufgeweckte kleine Margarita ist eingebunden in diese familiären Erfahrungen. Auf die Frage nach Geschwistern erklärt sie immer, sie hätte zwei Brüder, aber die seien gestorben. In ihrer Vorstellung hat der verstorbene Opa jetzt „jemanden zum Spielen“. Behelf schließt Lücke Aus ihrem persönlichen Erleben und von Gesprächen mit Betroffenen hat Mag. Leonhartsberger mit dem Know-how der Theologin - derzeit ist sie freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig - einen Behelf erarbeitet. Der Titel: „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben“ ein Satz von Antoine de Saint-Exupéry, aus dem „Kleinen Prinzen“. Zum Sammeln von Texten begann sie, als sie bei der Vorbereitung für die Begräbnisfeiern für ihre totgeborenen Kinder wenig brauchbare Unterlagen fand. Daß diese Thematik bisher kaum vorkam, hat vielleicht damit zu tun, daß solch typisch weibliche pastorale Themen erst durch persönliche Erfahrungen von Theologinnen vermehrt in die Seelsorge einfließen.Auch die Bandbreite der Hilf- und Ratlosigkeit der Umgebung, aber auch der Gespürlosigkeit gegenüber den Trauernden ist groß. Aussagen wie: Stell dich nicht so an. Das Kind hat ja noch gar nicht gelebt, sind nichts Ungewöhnliches. Schmerzlich ist auch der Rat nach diesem sogenannten „Fehlstart“ das Kind so bald als möglich durch ein neues „zu ersetzen“, ohne dessen Unverwechselbarkeit zu sehen. Schon die Schwangerschaften verlaufen ja ganz verschieden. Martha Leonhartsberger hat auch erlebt, wie wichtig Rituale zum Abschiednehmen sind, wie notwendig es ist, daß man Schock, Enttäuschung, Trauer, und auch Schuldgefühle, zuläßt. Sie nahm bewußt Abschied von den Kindern, und hatte darauf bestanden, daß sie feierlich beerdigt wurden. Es kommt noch immer vor, daß totgeborene Kinder mit dem organischen Krankenhausabfall anonym beigesetzt oder eingeäschert werden. Der neue Behelf ist eine gute Handhabe für SeelsorgerInnen, wie man eine Begräbnisfeier und Abschieds- und Gedenkfeiern für Kinder, die während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz nachher starben, gestalten kann, und zudem eine grundsätzliche Hilfe im Umgang mit betroffenen Eltern. Hilfreiche „Bausteine“ sind: Erwartungen und Wünsche der Eltern, passende Schriftstellen, Gebete der Eltern, Gebete für das Kind und die Eltern und Elemente für Rituale zum Abschiednehmen, auch für Fernstehende, sowie formulierte Texte gegen die Sprachlosigkeit. LoslaßhilfenSehr wichtig ist einerseits das Schaffen von Erinnerungen und andererseits das, was Martha Leonhartsberger „Loslaßhilfen“ nennt. Das kann z. B eine Kerze mit Namen, eine liebevoll gestaltete Urkunde oder ein Marterl mit einer Rosenstaude sein.