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Ein Schein "anderer" Art verpflichtet die Kirche

Deutsche Abtreibungsdebatte: Konkreter Hilfsplan statt Bestätigung
Ausgabe: 1999/10, Abtreibungsdebatte Deutschland
09.03.1999
- Walter Achleitner
Mit dem „Beratungs- und Hilfeplan“ könnte die Kirche in Deutschland im staatlichen Beratungssystem verbleiben und zugleich ihr Angebot noch deutlich verbessern.Mit dem „Beratungs- und Hilfeplan“, so meint Rita Waschbüsch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, sei es der Kirche in Deutschland gelungen, jenes Modell für die Schwangerenberatung zu finden, das die kirchlichen Beratungsstellen vor dem Ausstieg aus der staatlichen Konfliktberatung bewahren soll. Waschbüsch: „Vielmehr ist es eine qualitativ deutliche Verbesserung des Beratungskonzeptes. Mehr als bisher verpflichtet sich die Kirche zu konkreter Hilfe, und das trotz Budgetsorgen in den Diözesen.“Seit April 1998 hat eine Arbeitsgruppe, Waschbüsch war Mitglied, im Auftrag der Bischofskonferenz nach einer Lösung im Konflikt um die Konfliktberatung in Deutschland gesucht. Denn zur straffreien Abtreibung (§ 219) ist ein sogenannter „Beratungsschein“ notwendig, den, mit Ausnahme von Fulda, auch alle katholischen Einrichtungen ausstellen. „Lizenz zum Töten“ nennen Kritiker den Schein; durch das Ausstellen trage die Kirche Mitschuld an den Abtreibungen.Für den Verbleib im staatlichen System hingegen spricht, daß damit auch Frauen, die an Abtreibung denken, in einer kirchlichen Einrichtung Rat und Hilfe suchen (siehe auch rechter Kasten). Was jüngste Zahlen belegen: Bundesweit haben sich 1997 erstmals 94.956 Frauen an eine der 270 kirchlichen Beratungsstellen gewandt. Nahezu jede vierte suchte um Beratung nach § 219. Keine einzige derartige Konfliktberatung gab es hingegen in Fulda, berichtet Waschbüsch.Der Ausweg, so Waschbüsch, liegt im „Beratungs- und Hilfeplan“: „Darin wird jede mögliche Hilfe aufgezeigt und angekreuzt, Summen eingesetzt und Daten eingetragen. Mit diesem Papier kann sie zu Hause sagen, was sie an finanzieller Unterstützung bekommt, da helfen sie mir zu einer Wohnung, dann haben sie mir verbindlich einen Kindergartenplatz oder einen Platz in einer Kinderkrippe zugesagt.“Wenn die Länderminister diesen umfassenden Hilfsplan als Nachweis über eine „Beratung als Hilfe zum Leben“, so der Gesetzestext, nicht anerkennen, dann könne ihnen nur böser Wille unterstellt werden, meint Waschbüsch. Und es wäre ein „anderer“ Schein, denn der Papst hatte im Jänner 1998 die Bischöfe aufgefordert, „diesen“ Beratungsschein nicht mehr auszustellen. Wenn nun zu diesem Modell Rom Nein sagt, die Bischöfe haben ihr Votum an den Papst weitergeleitet, dann heißt das für Rita Waschbüsch, daß man in keinster Weise mit dem staatlichen System kooperieren will.Im Herbst vergangenen Jahres hat der Limburger Bischof Franz Kamphaus Schwangerenkonfliktberatungsstellen besucht und mit 24 betroffenen Frauen ausführlich gesprochen. In sein Notizbuch schrieb er:Der Bischof war viel aufgeregterIch habe die Beratungsstellen besucht, um persönlich mit jeder Beraterin und mit betroffenen Frauen zu sprechen. Ich wollte nicht weiter über sie sprechen und schreiben und Entscheidungen treffen ohne einen unmittelbaren Einblick in ihre Situation erhalten zu haben. Wie kommen sie dazu, an Abtreibung zu denken? . . .Sie sprechen ganz frei von ihrem Leben. Das Gespräch läuft viel unbefangener, als ich das gedacht hatte. Zu Anfang war ich viel aufgeregter als die betroffenen Frauen.Ich habe keinen Mann gesehen. Etwa 80 Prozent sind Alleinerziehende. Die Männer sind auf und davon.Ich habe Kontakt bekommen zu einer Personengruppe, der ich in den normalen kirchlichen Zusammenhängen nicht begegne. Sie leben in sozial schwierigen Verhältnissen. Sie leiden unter Beziehungsproblemen. Der Druck der Umgebung ist unheimlich. Ihre Lebensplanung ist über den Haufen geworfen. Mehrere Frauen berichten, sie hätten wegen ihrer Schwangerschaft ihren Arbeitsplatz verloren.Fazit: Die Frauen sind in vielfacher Hinsicht alleingelassen. Ihre größte Sorge ist: Wer hilft mir, wenn das Kind zur Welt gekommen ist? Da brauchen sie Menschen, die sagen: Wir sind für dich da, wir lassen dich/euch nicht hängen. Ich bin in den 16 Jahren meines Dienstes als Bischof selten so unmittelbar armen Menschen begegnet wie im Gespräch mit diesen Frauen.18 der 24 Frauen, mit denen ich gesprochen habe, wären nicht zur kirchlichen Beratungsstelle gekommen, wenn sie hier keinen Beratungsschein erhalten hätten.
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