„Dieser Narr / erinnert sich / an die Zukunft [. . .] mit seinem Schrei“, so beginnt und endet Erich Frieds Gedicht „Ein Prophet“. Die vier Aspekte, die in diesen Zeilen angesprochen werden, benennen zutreffend, was auch in den biblischen Texten von Propheten erzählt wird.Häufig galten Propheten in Israel als Narren, als lästige, unerwünschte, ja sogar gefährliche Narren, die deshalb verachtet, beschimpft und verfolgt wurden. Sie fügten sich in keine der gesellschaftlich festgelegten Rollen ein, sondern blieben Außenseiter, die die überlieferten Traditionen und Wertvorstellungen ebenso wie die etablierten Institutionen im Staat und in der Kirche äußerst kritisch betrachteten und sich nicht scheuten, diese auch anzuprangern. Denn die Propheten erinnerten sich an die Geschichte ihres Volkes mit seinem Gott, sowohl an seine Verheißungen als auch an die Verpflichtungen, zu denen das Volk ja sagte. Für die Propheten waren diese Weisungen Gottes nicht zu Buchstaben erstarrt, sondern sie erinnerten sich an die lebensspendende Gemeinschaft, und vor allem, sie lebten weiterhin in dieser Beziehung. Äußerst hellhörig reagierten sie auf den Anruf Gottes und erklärten daraus das aktuelle politische, wirtschaftliche und religiöse Leben ihrer Gesellschaft. Daraus wagten sie ebenso Prognosen für die unmittelbare Zukunft. Sie versuchten die Menschen wachzurütteln, sie auf Fehleinschätzungen und trügerische Sicherheiten aufmerksam zu machen, genauso wie sie in scheinbar aussichtslosen Situationen Trost und Hoffnung zusprachen. Was die Propheten anzubieten hatten, ist eine Lebensorientierung aus der Perspektive der ungebrochenen Gemeinschaft mit Gott.Die Art und Weise, wie die Propheten ihre Botschaft verkündeten, war oft aufsehenerregend. In ihrer Sprache verwendeten sie zahlreiche drastische Bilder und Vergleiche, und sie scheuten sich auch nicht, die Empfänger ihrer Verkündigung aufzusuchen. Sie wandten sich direkt an die Machthabenden, und sie stellten sich auf die belebtesten Plätze der Stadt, um dort zu reden oder sogar ihre Botschaft pantomimisch vorzuspielen. Ihr Schrei war unüberhörbar. Trotzdem, damals wie heute bleibt so ein Schrei umstritten: nur ein Narr oder doch ein Prophet?Susanne Gillmayr-Bucher