Mit der Liturgie des Palmsonntags beginnt die „Feier der österlichen Geheimnisse unseres Herrn“. Im Evangelium wird berichtet, wie Jesus feierlich in Jerusalem einzieht. Für Matthäus ist er der vom Volk erwartete und von den Propheten verheißene Messias, der das Volk befreien wird. Diese Sehnsucht nach Befreiung teilen wir mit den Menschen damals: Frei zu werden von Unterdrückung und Ausbeutung, von Unglück und Leid, von Krankheit, Sterben und Tod. Das sollte es nicht mehr geben, das sollte ausgemerzt werden können aus unserem Leben, das ist unsere Wunschvorstellung. Und es ist nicht möglich. Unterdrückung und Ausbeutung, Unglück und Leid, Krankheit, Sterben und Tod gehören zu unserem Leben. Menschen erleben das Tag für Tag. Ich kann mir vorstellen, daß Jesus geahnt hat, was auf ihn zukommt, als er in Jerusalem einzieht, daß er damit rechnete zu scheitern, daß seine Gegner ihr Ziel erreichen werden – daß sein Leben ausgemerzt werden wird. Nichts blieb ihm erspartIn der Liturgie wird diese Spannung sehr deutlich: Der Bericht vom Einzug in Jerusalem wird als erstes Evangelium an den Anfang gestellt, und an der Stelle des Evangeliums im Ablauf der Liturgie hören wir zum ersten Mal in dieser Woche die Passion. So werden wir hingeführt zu dem, was Mitte unseres Glaubens und Hoffens ist: Wir hören, daß Jesus durch Leid, Kreuz und Tod hindurchgeht und daß er auferweckt wird aus dem Tod. Auch uns bleibt diese Lebenswirklichkeit nicht erspart. Roland P. Litzenburger hat als Schwerkranker gezeichnet, was er erlebt: der Gekreuzigte beugt sich zu einem Menschen, einer Frau, herab – als ob er wegwollte vom Kreuz und doch nicht kann, er ist festgemacht am Kreuz. Die Frau ist ihm nahe. Ihr linker Arm ist so ausgestreckt wie der des Festgebundenen, die rechte hält sie vor den Mund – eine Geste des Erschreckens und der Abwehr. Und doch werden in dem Bild Zuneigung, Mitfühlen und Nähe ausgedrückt. Unterdrükkung und Ausbeutung, Unglück und Leid, Krankheit, sterben und Tod sind Lebenswirklichkeiten, sie bleiben uns Menschen nicht erspart. Nähe, Zuneigung und Mitfühlen geben den Leidenden Kraft – und Mut – durchzugehen. Jesus Christus ist uns diesen Weg vorangegangen, hören wir in der Lesung aus dem Philipperbrief. In ihm sind die Zuneigung, das Mitfühlen und die Nähe Got-tes zu den Leidenden und zu uns allen menschliche Wirklichkeit geworden. Bis zum Tod am Kreuz. Und er ist auferweckt worden. So haben wir Grund zur Hoffnung, daß auch unser Weg durch Not, Leid und Tod uns hindurchführt zum Leben, zu ewigem Leben. Von Gott Hilfe erwartenMätthäus hat den Einzug in Jerusalem aus der Sicht nach Ostern berichtet und für die Gemeinden damals gedeutet. Wenn das Volk dem auf einem Esel in Jerusalem einziehenden Sohn Davids „Hosanna!“ (übersetzt „Hilf doch!“) zuruft, dann sagt er damit auch, daß wir erwarten können, daß Gott hilft, und er fordert uns auf, dem Beispiel Jesu zu folgen. Wir können „mit der ganzen Kirche in die Feier der österlichen Geheimnisse unseres Herrn“ eintreten.