„Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, ich aber, ich war nicht widerspenstig“ (Jes 50, 5). Es überrascht ein wenig, daß die Reaktion auf Gottes Anruf damit beschrieben wird, was gerade nicht getan wird. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ist es denn üblich, daß Gottes Zuruf auf Widerstand stößt? Eine herausfordernde Frage, denn wer gesteht von sich und ihrer/seiner Gemeinde schon gerne ein, daß Gottes Zuruf oft abgelehnt wird?Wenn die Bücher des Ersten Testaments von Israels Geschichte mit Gott erzählen, so schildern sie diese als eine sich ständig ändernde Beziehung. Dabei fällt auf, wie ungeschönt und kritisch auch negative Seiten dargestellt werden. In schwierigen Situationen verläßt die Menschen ihre Zuversicht und ihr Vertrauen in Gott, sie mißtrauen seinem Wort, seinem Schutz und seiner Führung, und selbst Gottes rettende Taten klagen sie an. Immer wieder charakterisiert Widerstand die Grundhaltung des Volkes, ein Umstand, der besonders in den Büchern der Propheten überaus heftig angeprangert wird. Im Buch Ezechiel erscheint Israel als das „Haus der Widerspenstigkeit“, ja das Verhalten des gesamten Volkes während seiner ganzen Geschichte wird als Widerspenstigkeit gegen Gott qualifiziert. Diese harten Worte und die kritische Anklage verfolgen ein Ziel, sie wollen aufrütteln. Rückblickend versuchen biblische Texte, die Fehler und vergebenen Chancen pointiert zusammenzufassen in der Hoffnung, daß die Menschen hellhörig werden und fähig sind, aus ihrer Geschichte zu lernen.Eine solche Änderung zeichnet sich bei Jesaja ab. Obwohl ebenso scharf über bisheriges Verhalten geurteilt wird, tritt in jenen Texten, die von der Gestalt des „Gottesknechtes“ sprechen (Jes 42, 1–9; 49, 1–9; 50, 4–9; 52, 13 – 53, 12), ein anderes Israel hervor. An Stelle des Volkes, das sich dem Wort Gottes widersetzt, tritt nun ein Volk, das auf den Zuruf Gottes gerade nicht mit Widerstand reagiert: „ich aber, ich war nicht widerspenstig“. Hier wird betont, daß ein Umdenken einsetzt. Allerdings kann das nur stattfinden, weil der Widerstand als normale Reaktion bewußt geworden ist. Die gewohnten, widerspenstigen Verhaltensmuster können durchbrochen und neue Möglichkeiten ergriffen werden.Susanne Gillmayr-Bucher