US-Ordensfrau fordert: Im Jahr 2000 keine Todesurteile vollstrecken
Ausgabe: 1999/12, Todesurteil
23.03.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Der Film „Dead Man Walking“ machte die Ordensfrau Helen Prejean weltberühmt. Seit 1982 begleitet sie in den USA Menschen, die zum Tod verurteilt wurden. Nun kämpft sie dafür, daß im Heiligen Jahr 2000 keine Todesstrafe vollstreckt wird.Wie sehen die letzten Tage eines Todeskandidaten in den USA aus?Prejean: Einige Tage vor der Hinrichtung wird er in das sogenannte Todeshaus gebracht, das vom übrigen Gefängnis abgetrennt ist. Es ist mit Blumenbeeten verschönert, und der Fußboden ist besonders sauber. Die Todeskandidaten hoffen auf einen möglichen Telefonanruf, daß die Hinrichtung abgesagt wird. Jedesmal, wenn das Telefon klingelt, könnte das die Nachricht über Leben oder Tod sein. Ist das nicht wirkliche Folter? In diesen Tagen bekommt der Verurteilte kaum einen Bissen hinunter, er trinkt Kaffee und raucht.Fühlen Sie sich nach einer Hinrichtung gescheitert?Prejean: Ich fühle meine ganze Ohnmacht, aber auch die Kraft der Gegenwart Gottes. Nach einer derartigen Erfahrung ist man entweder völlig gelähmt oder man kann nicht anders, als sich konsequent für das Leben einzusetzen. Jeder Verlust eines Menschen, den ich in den letzten Wochen seines Lebens begleitet habe, schmerzt mich sehr. Gerade deshalb mache ich mich dafür stark, daß nicht noch mehr Personen auf diese Weise getötet werden.Können Sie den Kampf gegen die Todesstrafe ohne Ihren Glauben durchstehen?Prejean: Ganz sicher wäre ich gegen die Todesstrafe, auch wenn ich nicht an Gott glauben würde. Die Würde und Rechte eines jeden Menschen liegen mir sehr am Herzen. Möglicherweise hätte ich auch begonnen, mich dagegen einzusetzen; aber ganz sicher nicht durchgehalten. Das Böse scheint immer wieder die Oberhand zu gewinnen. Nur der Glaube gibt mir die Kraft, trotz allem nicht aufzugeben. Aber es gibt durchaus religiöse Menschen, die für die Todesstrafe sind. Einige geben sich nicht zufrieden, daß Menschen hingerichtet werden, sie wollen auch noch, daß Gott auf ihrer Seite ist. Das führt dann zu Äußerungen wie: auch Jesus sei für die Todesstrafe gewesen. In den USA wagen es viele Priester nicht, dagegen zu predigen, weil sie sich damit gegen einen Großteil der Gläubigen stellen würden. Sind die Aussagen der Kirche zur Todesstrafe deutlich genug?Prejean: Der Katechismus von 1992 erlaubt die Todesstrafe nur dann, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, die Gesellschaft vor einem Verbrecher zu schützen. Meines Wissens hat jeder Staat die Möglichkeit, einen Täter einzusperren statt ihn hinzurichten. Praktisch gibt es damit keine Rechtfertigung für die Anwendung der Todesstrafe. Im übrigen hat der Papst sich mehrfach eindeutig dagegen ausgesprochen oder sich für die Begnadigung von Todeskandidaten eingesetzt.Bei „Moratorium 2000“ geht es um das weltweite Aussetzen der Todesstrafe. Warum fordern Sie nicht gleich deren Abschaffung?Prejean: Im Krieg ist der erste Schritt zum Frieden die Feuerpause. Damit ist er noch nicht beendet; aber es werden keine Menschen mehr getötet, und Friedensverhandlungen können beginnen. Wir möchten zunächst das Moratorium durchsetzen, um Leben zu retten. Das Jubeljahr 2000 könnte ein guter Zeitpunkt sein. Wenn überall die Vollstreckung ausgesetzt ist, werden wir alles tun, um eine dauerhafte Lösung zu erreichen.Christen starten eine weltweite Kampagne zur Abschaffung der Todesstrafe. Das Aussetzen der Hinrichtungen im Jahr 2000 ist „eine Art Waffenstillstand“.Moratorium 2000Die internationale Kampagne „Moratorium 2000“ gegen die Todesstrafe wurde von der US-amerikanischen Ordensfrau Helen Prejean gemeinsam mit der römischen Basisgemeinschaft Sant’Egidio ins Leben gerufen. Der Appell wurde gemeinsam mit Pierre Sane, dem Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation amnesty international, verfaßt. Die weltweite Unterschriftenaktion möchte erreichen, daß das Thema Todesstrafe noch in diesem Herbst auf die Tagesordnung der Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) gesetzt wird. Derzeit werden in 91 Ländern der Erde Todesurteile vollstreckt. In 103 Staaten wurde sie bereits gesetzlich abgeschafft oder in der Praxis nicht mehr angewendet.In Österreich zeichnet für die Kampagne die Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel verantwortlich, die organisatorische Arbeit läuft über die Fokolare-Bewegung. Weitere Informationen über „Moratorium 2000“ sind unter folgender Adresse zu erhalten: Meyrinkgasse 7, 1230 Wien, Tel. 01/88 90 38 02.