Der Gott Jesu ist ein Gott des Lebens und der Liebe
Serie: Wer ist für mich Jesus Christus?
Ausgabe: 1999/50, Gott des Lebens, Gott der Liebe
14.12.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, P. Nathanael Wirth
Angst und Furcht entfernen den Menschen von Gott. In Christus ist uns der bedingungslos liebende Gott erschienen.
In St. Gerold, dem kleinen Dorf im Großen Walsertal, umfängt eine warme, rotbraune Lehmmauer den Gottesacker, auf dem alle unsere Toten gleichbehandelt werden: über alle Gräber breitet sich ein Blumenteppich. Auf das Eingangstor sind die griechischen Buchstaben „Alpha“ und „Omega“ eingeritzt. Die Erklärung dazu gibt die „Geheime Offenbarung“: „Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.“ Das sagt der Menschensohn zu unseren Toten – und er sagt es auch zu mir und zu dir, die wir hier leben.Ich habe mich – wie viele andere Menschen auch – lange Zeit vor Gott gefürchtet. Gott fürchten heißt, auf Distanz zu ihm gehen und keine ungetrübte Freude an ihm empfinden können. Das ist schlimm.
Was die Menschen brauchen
Entscheidend geholfen, ein günstigeres Bild von Gott zu bekommen, hat mir Eugen Biser, der Religionsphilosoph aus München. Glaubwürdig weist er nach, dass bis zum Eintreffen von Jesus alle Religionen, eingeschlossen die jüdische, immer einen zwiespältigen, also gespaltenen Gott kannten: einerseits der liebende, gute Gott, dem man dient, und andererseits der drohende, strafende und sich rächende Gott, vor dem man Angst hat und sich fürchtet. Mit diesem Gottesbild wollte Jesus aufräumen. Das war seine Aufgabe: einen bedingungslos liebenden Gott zu zeigen, dem am Menschen unendlich viel liegt. So brachte Jesus eine frohmachende Botschaft: du brauchst dich nicht zu fürchten vor Gott, denn Angst lähmt und macht krank. Für den großen Gott ist es unwürdig, mit Drohung etwas zu erzwingen. Er achtet die Freiheit seines Geschöpfes. Er will, dass dein Leben gelingt, nicht erst im Jenseits, sondern jetzt schon. Du musst nicht immer, wie es in einem Gebet heißt, „durchs Tal der Tränen gehen“. Mit dieser glückverheißenden Botschaft hat er die Menschen aufgerichtet. Er saß mit ihnen zusammen am gleichen Tisch und ließ sich von ihren Sorgen und Freuden treffen. Nach seinen Worten haben die Menschen gehungert. Denn das brauchen sie: Verständnis, Anerkennung, Trost, Güte, Barmherzigkeit und Liebe. Immer ging es Jesus um das pulsierende Leben. Ihm setzte er sich aus – auch mit seinen dunklen Seiten. Er war nicht Dogmatiker; was er zu sagen hatte, kleidete er nicht in theologische Formeln, sondern in Bilder, die immer voll Leben waren. Nicht selten sind unserer Kirche die Dogmen, die Lehrsätze und Vorschriften wichtiger als das pulsierende Leben. Oft ist zwischen diesen beiden Seiten eine große Kluft. Und dann erinnern mich Worte aus dem Evangelium an die Haltung von Jesus, die mir so sympathisch ist: „Wehe, ihr Gesetzeslehrer, ihr bürdet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten nicht mit einem Finger an.“
Was würde Jesus tun?
Kommen Menschen mit ihren Nöten zu mir und möchten sich Rat holen, versuche ich immer sie und mich zu fragen: Was würde Jesus dazu sagen, wie würde er reagieren? Und immer kommt irgendwie eine Antwort voll Erbarmen, Verständnis und Liebe. Denn mit diesem Jesus kann man leben und sich an ihm freuen. „Wunder“ geschehen keine, aber die Sicht verändert sich. Hoffnung keimt wieder auf. Und niedergedrückte, sorgenvolle Menschen kehren mit neuem Mut in ihr Leben zurück. Sie wissen, das Leben geht weiter und jeden Tag bekomme ich soviel Kraft, wie ich brauche, um meine Last bis zum Abend zu tragen. Und das Wort des Märtyrerbischofs Irenäus bewahrheitet sich einmal mehr: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“
Bedenk-Text
Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Widersacher. Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst reichlich den Becher. Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.
Psalm 23
Wenn Gott schon die Vögel des Himmels ernährt und die Lilien auf dem Feld so prächtig kleidet – was seid ihr so ängstlich und voller Sorgen um euer Leben und was ihr essen und womit ihr euch kleiden werdet. Euer Vater weiß doch, dass ihr das alles braucht. Sorgt euch also zuerst um sein Reich, das andere wird euch dazugegeben. Lk 12, 22 – 23