Macao, die Mutter der Kirchen Ostasiens, geht am 20. Dezember an China
Ausgabe: 1999/50, Macao, Pater Wei Shi-tzoi, Ehrenbürger, Weidinger, Kräuterpfarrer
15.12.1999
- Walter Achleitner
Kräuterpfarrer Hermann Josef Weidinger hat viele Jahre in Macao als Missionar gelebt. Voll Stolz zeigt Wei Shi-tzoi, wie sein Name im Reich der Mitte ausgesprochen wird, das von ihm übersetzte chinesische Neue Testament. Eine schwere Erkrankung verhinderte, dass der Ehrenbürger 1953 nach Macao zurückkehren konnte.
Für Kräuterpfarrer Hermann Josef Weidinger war es ein schwerer Schlag, als am 6. Juni 1940 knapp vor Mitternacht britische Soldaten ihn aus dem Schlaf rissen. Seit knapp zwei Jahren lebte der angehende Missionar in Hong- kong, um sich hier auf seinen Einsatz in China vorzubereiten. Doch seit Ausbruch des 2. Weltkrieges war der junge Ordensmann in der Kronkolonie nur mehr geduldet. Doch an jenem Donnerstag war, für die britische Diplomatie, Hitler-Deutschland zu weit gegangen: Am Tag des Einmarsches in Frankreich sollte Weidinger sein Aufenthaltsrecht in Hongkong verlieren und sofort in das portugiesische Macao abgeschoben werden. „Ich wurde regelrecht hinausgeschmissen“, erinnert sich Pfarrer Weidinger an die Ereignisse vor 59 Jahren. „Ohne Geld brachten sie mich zum Hafen und warfen mich in den nächsten Frachter. Ich landete unter Deck, bei den Schweinen und Hühnern. So bin ich nach Macao gekommen.“Als politisch Ausgestoßener, getrennt von den Theologiestudenten, kam Weidinger in das Orfanato, das Waisenhaus der Salesianer Don Boscos in der portugiesischen Kolonie. „Aber ich fasste rasch wieder Mut.“ Und die elf Jahre in Macao zählen zu jenen, die den bald 82-Jährigen besonders geprägt haben.
Chinesische Heilkunst
In einer Nacht und Nebelaktion war Heinrich Maria, so sein Taufname, ins „Tor der Kirche nach China“ gekommen. Sein Ziel, China-Missionar zu werden, war jedoch in weite Ferne gerückt. Denn die immerfeuchte Hitze und die hohen Temperaturen an der Mündung des Perlflusses machten ihm zu schaffen. Selber wieder bei Kräften, übernahm Weidinger die Krankenstation des Waisenhauses, in der er für die Pflege von rund 40 Kranken verantwortlich war. Immer wieder kamen Kinder, deren Eltern zuvor den chinesischen Doktor aufgesucht hatten. Sein Lehrmeister in Sachen Medizin, der für das Waisenhaus zuständige portugiesische Arzt, jedoch verschmähte die traditionelle Heilkunst. „Vielleicht hat es mich gerade deshalb so interessiert, weil dieser Arzt so dagegen geschimpft hat“, versucht der Kräuterpfarrer rückblickend sein Interesse zu ergründen. Mit dem Wunsch, selber in chinesischer Medizin ausgebildet zu werden, machte sich Weidinger in das von Japanern besetzte Kanton auf den Weg. Nach knapp vierjähriger Ausbildung schloss er das Studium an der Universität von Kanton ab. „Ich bin sehr glücklich, dass ich mich heute in der chinesischen Medizin auskenne“, sagt Weidinger: „Dort steht nicht die Krankheit im Mittelpunkt, so wie in der westlichen Medizin, sondern der Mensch. Denn man kann nicht die Krankheit heilen. Man kann nur dem Körper helfen, dass er sich selber heilt.“
Verehrer von Laozi
Mit seiner Ausbildung in chinesischer Medizin, so der Kräuterpfarrer heute, ist er seinem Denken nach ein Eurasier geworden. Der Priester – 1949 in Macao geweiht – erzählt, dass er ein großer Verehrer von Laozi ist, und ihn die Bedeutung des Dao sehr stark beeindrucke. „Es geht darum, dem Sinn der Dinge nachzugehen. Man kann nicht einfach etwas sagen, sondern muss sich immer fragen: Warum ist das so? Was steckt dahinter?“Ein Eurasier ist der Waldviertler aber auch seinem Namen nach geworden. Weidinger wurde von den Chinesen „Wei Shi-tzoi“ ausgesprochen, was wiederum übersetzt bedeutet: „Einer, der verteidigt, was der Himmel ihm gab“. Und seine Talente hat der Missionar in Macao wirklich eingesetzt.
Über 100 Bücher für China
Mit seinem Sprachentalent konnte er mehr als 100 Bücher ins Chinesische übersetzen. Dass es so viele wurden, verdankt er seinen Mitarbeitern, die ihrerseits das Diktierte in passende Schriftzeichen setzten. Doch Pater Wei Shi-tzoi besorgte nicht nur die Übersetzung, sondern auch das Druckmaterial. Denn als es nach dem Krieg in der Region an Papier mangelte und kaum Zeitungen erscheinen konnten, blieben – dank seines Organisationstalentes – die Druckmaschienen für religiöse Literatur nie stehen. Als schönstes Buch führt Pfarrer Weidinger heute gern sein Neues Testament mit aufklappbaren Bildern vor. Sein Bestseller jedoch ist der von ihm verfasste Katechismus; eine christlich geprägte Lebensphilosophie für das chinesische Volk, die weit ins Reich der Mitte hinein von Bischöfen geordert wurde.
Flüchtlingselend
Von Vorteil für den unermüdlichen Missionar war die Absicht Japans, im 2. Weltkrieg den Angehörigen des Deutschen Reiches in seine Armee einzuziehen. Denn um der drohenden Einberufung zu entkommen gelang es Weidinger, die portugiesische Staatsbürgerschaft zu erlangen, in deren Besitz er bis zum heutigen Tag noch ist. Als von 1941 bis 1945 die portugiesisch verwaltete Halbinsel zu einer Zufluchtsstätte für über 100.000 chinesische Flüchtlinge wurde, hatte Hermann Josef Weidinger auch am Aufbau eines Flüchtlingslagers mitgewirkt. Und als in Macaos Straßen täglich Hundert Menschen an Entkräftung starben, half er in der aufgelassenen Zündholzfabrik, Reissuppe auszuteilen und den Menschen Trost zu spenden. „Macao war die Zerreißprobe für mein Leben“, urteilt der Prämonstratensermönch von Geras heute.
Ehrenbürger Macaos
Sein Einsatz für die Armen führte dazu, dass der Name Weidinger in der angrenzenden chinesischen Provinz Guangdong äußerst bekannt war. So sehr, dass ihn die Kantonesen für die Wahl des kommunistischen Führers der Provinz vorgeschlagen hatten. Weidinger: „Ich war sozial eingestellt und sie haben geglaubt, ich sei der beste Kommunist! Aber ich habe natürlich abgelehnt.“Doch auch die Kolonialverwaltung dankte dem Waldviertler für seinen Einsatz, und ernannte ihn zum Ehrenbürger von Macao. Dass Kräuterpfarrer Hermann Josef Weidinger zu den Feierlichkeit am 19. Dezember nicht nach Macao eingeladen ist, beurteilt der Ordensmann bescheiden: „Meine Ehrenbürgerschaft ist sicher schon lange vergessen. Nach 48 Jahren wird sich kaum jemand mehr an mich erinnern.“