- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Rudolf Kirchschläger
Er war erfolgreich und ist beliebt, er hat in jungen Jahren ebenso wie im Alter aber auch die dunklen Seiten des Lebens kennengelernt – Rudolf Kirchschläger und sein Jesusbild.
2000 Jahre – oder ein wenig mehr oder weniger – sind seit der Geburt Jesu vergangen. Die kommenden Weihnachten und der nahende Jahreswechsel werden daher von vielen Menschen als etwas Besonderes empfunden. Ob nun jemand gläubig ist oder nicht, diese Zahl verweist darauf, dass die Geburt Christi nicht „bloß“ ein Glaubenssatz oder eine mystische Aussage ist, sondern eine Realität, die unsere Vorfahren für so entscheidend und bedeutsam hielten, dass sie unsere Zeitrechnung darauf aufgebaut haben.
Das Weihnachtsfest trägt daher etwas Hoffungsvolles an sich, das sich bis in den Jahreswechsel hineinzieht. Beide Feste geben Anlass zu Freude und Dankbarkeit, nicht aber – angesichts der Not und des Leides in der Welt – zu lauten, luxuriösen und exzentrischen Festen.
Vielleicht ist es gut, beide Feste ein wenig zur Besinnung zu nützen, zum Nachdenken, wie wir persönlich zur Realität Jesu Christi stehen. Schließlich werden wir ja auch von der übrigen Welt Christen genannt und sind doch manchmal sehr weit von Christus entfernt.
Kein Bruder-Bild
Es dürfte wohl nur wenige begnadete Menschen geben, welche von Kindheit bis ins hohe Alter stets eine gleichbleibende tiefe Beziehung zu Christus hatten. Mir zum Beispiel war dies nicht gegönnt. Ich habe meinen Weg zu Christus vornehmlich über die Mutter Gottes, über Maria, gefunden. Ihr habe ich mich nicht nur mehr verpflichtet gefühlt, sondern zu ihr hatte ich auch schon in meiner Jugend eine gewisse innere Gesprächsbasis. Meine Erfahrung geht ja dahin, dass man nur dann beten kann, wenn es einem innerlich möglich wird, mit Gott auch außerhalb der eingelernten Gebete zu sprechen, ohne nur permanent „bitte“ und „danke“ zu sagen.
Über Maria ging mein Weg vorerst zu Gott Vater und eine Weile später auch zu Gott Sohn und zum Heiligen Geist. Warum dies so gekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich nehme an, es war die Umwelt, vielleicht auch der eine oder andere Priester und schließlich die Tatsache, dass ich ohne Bruder aufgewachsen bin und daher der „Bruder Christus“ für mich keine überzeugende Vorstellung war.
Als ich meine Tätigkeit als Richter begann, hing im Verhandlungssaal des Bezirksgerichtes ein Bild aus dem Jahr 1648, darauf war die Justitia mit Waage und die Stadt mit ihren sieben Hügeln abgebildet. Darunter stand der Vers: „Oh Richter, tue du richten Recht, denn Gott ist Herr und du bist Knecht, und wie du jetzt wirst richten mich, so wird auch Gott einst richten dich.“ Dieser Mahnspruch war der Ausgangspunkt für eine nähere Betrachtung des Lebens Christi anhand der Evangelien. Ich lernte von der Güte Christi, von seinem Grundsatz, niemanden, der noch lebt, endgültig abzuschreiben, zu verdammen, oder – kurz gesagt – von seiner Liebe zu den Menschen. Ich weiß, dass ich die Vollendung nie erreicht habe, aber ich versuchte, auf dem Weg zu ihr zu sein.
Mein Leben in seiner Hand
Mit der stärkeren Hinwendung zum dreifaltigen Gott lernte ich auch das Leben, so wie es ist, nicht nur mit den Freuden, sondern auch mit den Leiden und Beschwernissen anzunehmen.
Ich versuche, Gott in seiner Dreifaltigkeit nicht immer wieder zu bitten, meine Träume und Wünsche zu erfüllen, sondern sage zu ihm nur: „Guter Gott, Du kennst meine Wünsche, Du hast mir soviel Gutes getan, ich bitte Dich nicht, sie zu erfüllen, sondern mir das zu senden, was Du in Kenntnis meines Lebens für gut und recht findest.“In diesem Sinne versuche ich täglich aus dem Kleinen Stundengebet der Kirche (Laudes, Vesper und Komplet) zu beten. Dabei habe ich den Hymnus der Dienstag-Komplet besonders gerne.
Bedenk-Text
Tod und Vergehen walten in allem, steht über Menschen, Pflanzen und Tieren, Sternbild und Zeit. Du hast ins Leben alles gerufen, Herr, Deine Schöpfung neigt sich zum Tode: hole sie heim. Schenke im Ende auch die Vollendung. Nicht in die Leere falle die Vielfalt irdischen Seins. Herr, Deine Pläne bleiben uns dunkel. Doch singen wir Lob Dir, dem Dreieinen, ewigen Gott.