- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Sr. Margret Scheurecker
Wenn ich bei meinem Neffen zu Besuch bin, dauert es nicht lange und dicke Fotoalben werden herbeigeschleppt. „Du, zeig mir das Foto vom Papa, als er noch klein war! . . . und wo bist du? . . . und warum ist der Onkel Hannes bald gestorben? Und das Bild von der Oma mit ihren Geschwistern? Warum schauen die so ernst?“ Dieses erzählende Blättern fasziniert nicht nur die Kinder. Für mich erwachen die wesentlichsten Fragen: Woher komme ich? Welcher Wille hat mich gewollt? Wie bin ich die geworden, die ich bin?
Plötzlich sehe ich mich als Glied einer langen Menschenkette: mein Menschenschicksal geknüpft an andere Menschenschicksale. All das Schmerzlich-Tragische der Menschheitsfamilie, all das Befremdende, Angstmachende ist auch Teil von mir, Teil eines jeden von uns. Kain erschlägt Abel; ein Vorfahre verspielt Haus und Hof, die Familie zerbricht; eine Frau aus der Urgroßvatergeneration treibt ein Kind ab und stirbt; während des 2. Weltkrieges Selbstmord als letzter Ausweg; Vergewaltigung; Schizophrenie; Homosexualität als Anlass, die Existenz eines Verwandten zu verschweigen . . .
Das sind Tatsachen. Da hilft weder Beschwichtigen „In unserer Familie kommt das doch nicht vor“ noch Versteckspielen „Damit will ich nichts zu tun haben“.Unheilvolle Familiengeschichten können nur dann zu Heilsgeschichten werden, wenn das Tragische unbeschönigt wahrgenommen und mitgelitten wird. Der Verfasser des ersten Evangeliums hatte die Kühnheit, im Stammbaum Jesu auch jene Männer und Frauen anzuführen, die keine reine Weste vorweisen konnten. Jesus kommt aus keiner heiligen, heilen Familie! Sehr bewusst hat er sich vor 2000 Jahren eingereiht in die lange Kette unheilvoll verstrickter Menschenschicksale. Er ist Teil des einen erdumspannenden Menschheitsleibes geworden: Er ist das Herz dieses Leibes. Sein Mitgefühl, seine Versöhnungsbereitschaft, sein Einstehen für Gescheiterte erhält die Menschheitsfamilie am Leben. Das mitfühlende großzügige Herz ist bis heute eine Kraft, die Unheil in neue Lebenschancen verwandeln kann.
Neben mir sitzt mein Neffe, dieser Blondschopf. „Alles wird gut“, denke ich mir, „wenn du nur die Liebe nicht vergisst. Aus ihr kommen wir, mit ihr gehen wir, zu ihr kehren wir zurück.“ Und wieder blättert er eine Seite weiter im großen Familienalbum . . .