Am 9. Juni 1999 verunglückte die Frau eines Oberösterreichers tödlich. Seine Arbeitskollegen spendeten ihm, dem dreifachen Familienvater, daraufhin 300 Urlaubstage. Die Kirchenzeitung der Diözese Linz verlieh für diese Aktion des Zusammenhalts der Belegschaft der Fa. Weingärtner in Kirchham bei Vorchdorf den „Solidaritätspreis 1999“.
Wieviele erleben solche Solidarität?
Kurz vor Weihnachten, am 16. Dezember, bin ich zur Firma Weingärtner unterwegs, um mich mit dem „Erfinder“ der Urlaubsspende, Rupert Bammer, zu treffen. Im Verkehrsfunk höre ich eine Unfallsmeldung. Ein Mensch wurde getötet. Die Straße ist für Stunden gesperrt. Gedanken gehen mir durch den Kopf: Welches Leid wird dieser Unfall auslösen? Werden die Hinterbliebenen Solidarität erleben, ähnlich wie im Fall, von dem hier berichtet wird? – Gedanken, für die es täglich Anlässe gäbe.Die ca. 120 Mitarbeiter/innen der weltweit exportierenden Maschinenbau-Firma Weingärtner haben ein Beispiel von Kameradschaft gegeben: Ein 33-jähriger Kollege und seine drei Kinder (10, 6 und 2 Jahre alt) verloren durch einen Verkehrsunfall die Gattin bzw. Mutter. Schon am Tag darauf wurde einer seiner Kollegen, Rupert Bammer, beim Chef mit einem Vorschlag vorstellig – er möchte die Beschäftigten um eine Urlaubsspende bitten für ihren Arbeitskameraden. Der Chef war dafür. Und Rupert Bammer ging sammeln. Er hatte großen Erfolg.300 gespendete Urlaubstage ermöglichten dem vom Schicksal schwer getroffenen Arbeitskollegen, drei Jahre lang halbtags arbeiten zu gehen und damit seine Kinder nachmittags betreuen zu können ohne drastische Einkommenseinbußen. Und es erlaubt ihm auch, die nötigen Arbeiten in der kleinen Landwirtschaft zu erledigen. Arbeiten, die vorher seine Frau gemacht hat.
Sich nahe stehen
Etwa sechs Monate später stehe ich nun mit Rupert Bammer an seinem Arbeitsplatz. Wir machen einen Rundgang durch die imposanten Werkshallen, in denen schwere „Wirbelmaschinen“ erzeugt werden, wie man sie etwa in der Erdölindustrie verwendet. Eine steht verpackt zur Abreise bereit. Sie kommt nach Atlanta. „Dort drüben“, sagt Herr Bammer und zeigt auf einen Platz, der keine zehn Meter entfernt ist, „ist Bertls Arbeitsplatz“. (An diesem Tag ist Bertl nicht da; er ist auf Feuerwehr-Fortbildung.) Über vier Jahre nicht nur durch die Arbeit in der gleichen Firma verbunden, sondern auch privat und über das Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr, kennen sich die beiden sehr gut.
Auch am 9. Juni 1999 waren die beiden in der Arbeit zusammen, als sie das Feuerwehrpiepserl zu einem Verkehrsunfall mit einer toten Frau rief. Die beiden wussten nicht, dass es die Frau eines von ihnen betraf . . .
Als sich dann jeder in die Urlaubsspenden-Liste eintrug, mit der Herr Bammer durch die Werkshallen ging, manche gar in den folgenden zwei Wochen ihre Spende erhöhten, gaben sie alle ein großartiges Zeichen: dass Betriebe dann, wenn sie ein gutes Miteinander pflegen, eine hohe solidarische Dynamik entwickeln.
„Urlaub, endlich Urlaub! Kaum zu glauben, dass es Menschen gibt, die auf ihren Urlaub verzichten und ihn verschenken.“ So schrieb eine Frau in einem Brief, mit dem sie die Belegschaft der Fa. Weingärtner für den Solidaritätspreis vorschlug. Sie hat damit kurz und bündig ausgedrückt, was diese Tat zur großen Tat gemacht hat: Weil Leute teilen, was ihnen wichtig ist. Rupert Bammer formulierte in Vertretung seiner Kollegen den Anstoß zur Urlaubsspende so: „Wenn es einem anderen noch mehr hilft als mir . . .!“ Der Urlaub ist ein wohlverdientes Arbeitnehmerrecht. Die Interessensvertretung muss daher heikel darauf achten, dass das Recht auszuspannen auch genossen werden kann.
Dass die Bezirksarbeiterkammer, die Gebietskrankenkasse und das Finanzamt auch auf Seite der Idee standen, rundet daher diese Geschichte gelebter Solidarität noch ab. Ebenso dass die ganze Gemeinde und die Arbeitskollegen weiterhin viel Unterstützung gaben und geben.
Am Rückweg ist die Unfallstelle noch immer gesperrt, meldet der Verkehrsfunk. Und was meldet der Solidaritätsfunk?