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Dokumentation

Ansprache Bischof Maximilian Aichernszu den Befreiungsfeiern in Mauthausen am 7. Mai 2000
Ausgabe: 2000/19, Mauthausen, Bischof, Befreiungsfeiern, Ansprache, Dokumentation, Konzentrationslager, NS, NS-Regime
09.05.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
55 Jahre nach der Befreiung der überlebenden Häftlinge aus den Lagern des NS-Regimes geziemt es uns, der Opfer aus allen Ländern Europas zu gedenken, die der Nationalsozialismus gefordert hat; jener Menschen, die ihren Einsatz für Recht und Freiheit, ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Parteien, Religionen und Völkern mit dem Tod bezahlt haben.Es ist angebracht, die zu würdigen, welche die Greuel der Konzentrationslager überlebt haben, die mit einer lebenslangen Last leben müssen und die - trotz allem, was ihnen angetan wurde - den Glauben an die Menschheit, an das Gute im Menschen nicht verloren haben. Wir danken ihnen dafür, dass sie sich mit ganzer Kraft eingesetzt haben und noch immer einsetzen, um das für viele unfassbare Geschehen aufzuklären, im Bewusstsein zu halten und zu mahnen, dass so etwas, wie es hunderttausenden von Menschen in der Zeit des Faschismus angetan wurde, nicht wieder vorkommt.

Es geht nicht um Rache und Vergeltung, wohl aber um die eindringliche Erinnerung, wozu Menschen fähig sind, was ideologische Hetze und Diffamierung, was Kritiklosigkeit und blinder Gehorsam, Verzicht auf das eigene Denken und das eigene Gewissen anrichten können. Wir dürfen nicht vergessen, welche Auswirkungen ein rassistisch-ideologisches Menschenbild haben kann, das nicht allen Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zubilligt, das Menschen ausgrenzt, sie zu Feinden und Untermenschen stempelt.Was hier in Mauthausen und den anderen Lagern geschehen ist, zeigt die Abgründe menschlicher Schuld. Papst Johannes Paul II. hat das heurige Jubiläumsjahr 2000 zum Anlass genommen, für all das um Vergebung zu bitten, was Menschen der Kirche einander und anderen angetan haben. Viele Diözesen - auch wir hier in Linz - haben sich dem Schuldbekenntnis und der Vergebungsbitte des Papstes angeschlossen und auch darauf verwiesen, dass in der NS-Zeit aus verständlicher Angst oft nur eine kleine Gruppe von uns Christen zu echtem Widerstand bereit war, dass wir als Kirche in Österreich angesichts der Untaten des nationalsozialistischen Gewaltregimes zu wenig getan haben, zu wenig verhindert haben, dass auch Landsleute von uns zu Vollstreckern eines unmenschlichen Systems geworden sind.

Schuld kann nicht durch Entschuldigung beseitigt werden, sondern nur durch Vergebung und eine Änderung der Gesinnung und des Verhaltens. Die Einsicht der Fehler und Versäumnisse in der Vergangenheit muss uns dazu bringen, in der Gegenwart wachsam zu sein, Sensibilität zu entwickeln und Zivilcourage zu zeigen, wo immer die Würde und Freiheit des Menschen eingeschränkt und verletzt wird, wo Gruppenegoismen der Vorrang eingeräumt wird vor Gerechtigkeit und Solidarität, Mitmenschlichkeit und Toleranz.

Wir schulden es den hier gequälten und ermordeten Menschen, die Erinnerung an das, was ihnen angetan wurde, lebendig zu halten und die Konsequenzen für unsere heutige Gesellschaft daraus zu ziehen. Es muss weiterhin wissenschaftlich erforscht und publiziert werden, was hier geschehen ist und auf welchem weltanschaulichen Boden es gewachsen ist. Gleichzeitig müssen wir mit wachem Auge solche „Bodenuntersuchungen“ der Gegenwart durchführen, damit nicht irgendwo schon wieder das Unkraut wächst, das wir bereits für gejätet und vernichtet hielten.

Wir erkennen es an allem, was die Menschenrechte verletzt, was die gleiche Würde aller Menschen, Völker und Rassen missachtet, was die Freiheit des Gewissens, der Religion, der Meinungsäusserung und des Handelns raubt, was die Bindung des Menschen an Gott verdunkelt oder zerschneidet.

Das ehemalige KZ Mauthausen und die vielen anderen Gedenkstätten sind aber nicht nur eine Erinnerung an grauenhafte Unmenschlichkeit und Lebenszerstörung. Sie sind ebenso eine Erinnerung daran, dass Menschen trotz Erniedrigung und Qualen ihren Glauben an das Gute bewahrt haben. In diesen Lagern haben viele Häftlinge in Liebe an ihre Familien, Verwandten und Freunde gedacht und sind ihnen in Treue verbunden geblieben. Manche schoben anderen heimlich ein Stück Brot zu. Und wenn sie auch das nicht konnten, schenkten sie ihnen wenigstens einen mitfühlenden Blick. Es gab Häftlinge, die trotz aller erlittenen Grausamkeiten keinen Hass in ihren Herzen aufkommen liessen. Einige wurden von der Kirche heilig- oder seliggesprochen wie hier Marcel Callo oder Edith Stein und Maximilian Kolbe in Auschwitz - auch stellvertretend für die vielen, die hier ihr Leben und ihren Glauben vollendet haben, während sie zu Tode gequält wurden. Wir dürfen auch nicht vergessen, wie sehr der Neuanfang im Jahr 1945 und der geistige Wiederaufbau unseres Landes und Europas vom Erlebnis in der Konzentrationslagern und den dort Befreiten mitgetragen wurde.

Bei seinem Besuch hier im ehemaligen Konzentrationslager am 24. Juni 1988 sagte Papst Johannes Paul II.: „An diesem Ort, hier in Mauthausen, waren Menschen, die im Namen einer irrsinnigen Ideologie ein ganzes System der Verachtung und des Hasses gegen andere Menschen in Bewegung gesetzt haben. Sie misshandelten grausam ihre Körper und Seelen. Hier setzte man auf den Tod, auf die Vernichtung eines jeden, den man für einen Gegner hielt. Und nicht nur das, auch weil er nur verschieden war; und vielleicht nur, weil er ein Mensch war... Aus dieser Erfahrung, eine der schrecklichsten seiner Geschichte, ist Europa besiegt hervorgegangen, besiegt in dem, was sein Erbe, seine Sendung zu sein schien. Die Last des Zweifels hat sich schwer auf die Geschichte des Menschen, der Nationen, der Kontinente gelegt“.

Der Papst bat die Menschen, die die Qualen der Konzentrationslager erfahren haben, uns zu zeigen, in welche Richtung sich ein Europa und die Menschheit „nach Auschwitz und nach Mauthausen“ entwickeln muss. Wir müssen auf ihr Zeugnis hören. Wir dürfen die Getöteten sowie die Menschen, die gelitten haben, und das, was ihnen angetan wurde, nicht vergessen, wie es in einer der Mahnmalinschriften hier heisst, denn das Vergessen des Bösen ist die Erlaubnis zu seiner Wiederholung.

Wir begehen diese Befreiungsfeier zwei Wochen nach Ostern. Wir erleben hier im ehemaligen KZ in bedrückender Weise, dass der Karfreitag vor 2.000 Jahren seine blutige und schmerzliche Fortsetzung im Leid und Sterben vieler Menschen auch in unserer Zeit erfährt. Wir erleben aber auch, dass Qual und Tod nicht vergeblich sind, dass das Leben, das Gute und die Liebe letztlich stärker sind, dass es eine Befreiung, eine Auferstehung gibt. So kann das Mahnmal einer furchtbaren Vergangenheit zum Zeichen unseres Einsatzes für eine gemeinsam gestaltete Zukunft, zum Zeichen der Hoffnung für die Überwindung der Unmenschlichkeit in unserer Welt werden.
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