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Du bist schuld!

Schlechtes Wetter, kaputte Uhr, kein Netz am Handy oder der unverlässliche Nachbar. – An Gründen, warum man selber nie Schuld hat, mangelt es nicht. Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli weiß, warum der Mensch so häufig mit Schuldzuweisung und -verdrängung reagiert.
Ausgabe: 2015/48, Bonelli, Schuld, Psychiater, Neurowissenschaft
24.11.2015
- Brigitta Hasch
© Bacho Foto - Fotolia
Warum fällt es Menschen generell so schwer zu sagen: „Ich bin schuld“ bzw. „Ich habe Schuld“?
DDr. Raphael M. Bonelli: Das Schuldgefühl ist an und für sich unangenehm. Wir hätten es lieber nicht und wollen es nach Möglichkeit wegschieben. Ähnlich wie der Schmerz hat es aber eine gute Funktion. Tut das Knie weh, lassen wir es behandeln und der Schmerz ist weg. Haben wir ein Schuldgefühl, sollten wir uns ebenso damit beschäftigen. Vielleicht gibt es einen Schaden, den man wieder gutmachen kann. Oder man bittet eine Person um Entschuldigung. Oft wäre die Sache damit erledigt und die Last wäre weg.

Wenn es so einfach ist, warum zeigen wir dann so gerne mit dem Finger auf andere?
Bonelli: Das ist fast ein natürlicher Reflex. Man verdrängt es, sieht es selber bald nicht mehr und denkt, dass es auch die anderen vergessen. Nur – die Methode „Vogel Strauß“ klappt nur für einen selbst. Ich erinnere mich, als ich als junger Arzt in einem Krankenhaus zu arbeiten begann, warnten mich alle, dass eine Kollegin „lüge wie gedruckt“. ­Sie selbst war die Einzige, die von ihrem ­schlechten Ruf nichts mitbekommen hat. Ich fand das extrem peinlich.

Kann man lernen, zu seiner Schuld zu stehen?
Bonelli: Natürlich. In einer gesunden Erziehung sollten Entschuldigungen sowohl der Kinder als auch der Eltern ganz normal sein. So lernen Kinder, die natürliche Tendenz des Wegschiebens zu überwinden.

Es gibt auch Menschen, die gerne und bereitwillig jede Schuld auf sich nehmen. Was könnten deren Beweggründe sein?

Bonelli: Generell ist das schwer zu sagen. Aber es gibt Menschen, die jegliche Schuld immer bei sich suchen. Das kann fast pathologisch werden, also die Folge einer psychischen Erkrankung sein.
In Ihrem Buch stellen Sie fest: Wenn man die Schuld von sich weist, kommt es häufig zu Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid. Diese Gefühle führen wiederum dazu, dass man sich unfrei fühlt. Wie lautet Ihr Therapievorschlag?
Bonelli: Ich kann nur raten, die persönliche Schuld zu erkennen und selbst Verantwortung dafür zu übernehmen.
Weist man die Schuld von sich, ist sie zwar von der Oberfläche verschwunden, aber  sie bleibt im Unterbewusstsein. Dieses Unrechtsgefühl kann zu nagen beginnen und macht unfrei. Manchmal werden Menschen deshalb richtig aggressiv. Es kann aber auch dazu führen, sich selbst immer als Opfer der anderen zu sehen. Solche Opfergedanken können bei Menschen mit der Zeit zu Verbitterung führen. Die Normalität des menschlichen Lebens ist, dass man das Erleiden von Unrecht und das Selber-Tun von Unrecht in einem ausgewogenen Verhältnis erlebt. Dann hat man kein Problem damit.

Sie behaupten auch, dass ständige Fremdbeschuldigung zu einer Beziehungsunfähigkeit führt. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass mehr Ehrlichkeit Beziehungen retten würde.

Bonelli: Aus meiner Praxis kann ich sagen, dass bei den meisten Partnerschaftskrisen der Blick darauf gerichtet ist, was der andere falsch macht. Dass man selber – zumindest teilweise – auch schuld sein könnte, wird gar nicht in Betracht gezogen. Das eigene Handeln wird nicht reflektiert. Am Ende steht oft eine Trennung. Würden die Partner ihre eigenen Fehler erkennen und zugeben, gäbe es viel weniger Scheidungen.
Univ.-Doz. DDr. Raphael M. Bonelli ist österreichischer Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud Privat Universität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Zum Thema „Schuld“ hat er ein Buch geschrieben und hält Vorträge dazu. Selber schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen, Pattloch-Verlag München, ISBN 978-3-629-13028-0, 19,99 Euro.
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