BSE und „Schweineskandal“ haben den Appetit auf Fleisch verdorben
Ausgabe: 2001/06, BSE, SChweineskandal,
06.02.2001
- Hans Baumgartner
Nach der importierten BSE-Krise leiden Österreichs Bauern nun am hausgemachten Gestank aus dem Saustall. Der Fleischkonsum ging um 30 bis 50 Prozent zurück.
Nach dem Auftreten des Rinderwahns im angeblich BSE-freien Bayern ist auch in Österreich der Rindfleischkonsum deutlich zurückgegangen. Viele Bauern sitzen auf ihren schlachtreifen Tieren und können nicht verstehen, dass tausende gesunde Rinder einfach vernichtet werden sollen, weil auf dem Markt für ihr Fleisch keine Nachfrage ist. Nicht besser geht es seit gut drei Wochen den Schweinebauern. Medikamentenmißbrauch in Zucht- und Mastbetrieben hat eine ganze Branche in Misskredit gebracht.
Die Versuchung
„Die wirtschaftlichen Folgen für die Bauern und Fleisch verarbeitenden Betriebe, die durch BSE und Medikamentenmissbrauch verursacht werden, lassen sich derzeit nicht abschätzen. Momentan haben wir Markteinbußen von 30 bis 50 Prozent“, sagt Franz Ledermüller, Direktor des Österreichischen Bauernbundes.Er verstehe und teile die Empörung vieler Rinder- und-Schweinebauern, die sich an die Gesetze halten und jetzt trotzdem die Rechnung mitbezahlen müssen. Er musste sich in den letzten Wochen aber auch eine andere Meinung anhören, meint Ledermüller. Da gebe es gar nicht so wenige Bauern, die sagen uns: „Ihr habt uns in die EU geführt. Aber die Regeln des gemeinsamen Marktes gelten nur für die Produkte, die wir verkaufen. Da gibt es volle Konkurrenz. Bei den Arzneimitteln und Betriebsmitteln gibt es diesen freien Markt nicht, da zahlen wir erheblich mehr als Mitkonkurrenten anderer Länder.“ Manche, so Ledermüller, hätten in dieser Situation der Verlockung nicht widerstehen können. Sie besorgten sich billigere Futter- oder Arzneimittel aus dem Ausland und wussten zum Teil wohl auch nicht, dass es sich um verbotene Produkte handelte. Auch wenn ein offensichtlicher Missbrauch und kriminelle Handlungen nicht zu entschuldigen seien, so zeige die Situation doch echte Versäumnisse innerhalb der EU auf, meint Ledermüller. Diese von der Pharmaindustrie durchaus gewollte nationale Marktaufteilung gebe es auch bei den Arzneimitteln für den Menschen. So ergab eine EU-Erhebung (1997), dass sich Österreich bei 30 Milliarden Gesamtmedikamenten-kosten acht Milliarden Schilling ersparen könnte, wenn das auf dem EU-Markt jeweils billigste Medikament gleicher Qualität gekauft werden könnte.
Der Verdacht
Den Vorwurf, warum man gegen den Missbrauch nicht früher und energischer vorgegangen sei, hört der Bauernbunddirektor auch aus den eigenen Reihen. „Verdachtsmomente müssen erst bewiesen werden, bevor man durchgreifen und – auch politisch – die Konsequenzen daraus ziehen kann“, meint Ledermüller. So seien von Tierärzten in der Steiermark bereits 1998 Anzeigen gegen einige Mäster erstattet worden. Bis heute habe es keinen Prozess gegeben, aus den man hätte Lehren ziehen können. Auch bei den von den Zollbehörden aufgedeckten Fällen illegaler Medikamentenimporte seien bei den Strafverfahren offenbar keine gravierenden Verdachtsmomente aufgetaucht, dass da etwas Größeres im Gange ist. Im Veterinärbericht 1999 gab es dafür ebenfalls keine Hinweise. Bei 2700 Rückstandsuntersuchungen war eine einzige belastete Probe.
Der „Skandal“
Was an Schweinereien im Saustall geschah, „ist ein Skandal und soll mit aller Härte geahndet werden“, meint Franz Ledermüller. Er findet es aber auch skandalös, wie jetzt die Schweinebauern und Kontrollbehörden als „mafiöses System“ verunglimpft werden. „Das ist eine mediale und politische Schlammschlacht, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts mehr zu tun hat.“ Von insgesamt 25.000 für den Markt produzierenden Schweinebauern wurden bislang 40 Betriebe angezeigt. Auch wenn es noch doppelt so viele würden und sich der Missbrauchsverdacht bei vielen bestätigen sollte, rechtfertige das nicht diese massiven Anwürfe gegen eine ganze Branche.
Die Notbremse
Unbestritten ist für Ledermüller aber auch, dass man aus BSE-Krise und Schweineskandal rasch weitere Konsequenzen ziehen müsse. In der EU zeichne sich unter den Landwirtschaftsministern endlich eine Verständigung für ein unbefristetes und generelles Tiermehlverfütterungsverbot ab. Österreich fordere auch, dass Abälle wie Tiermehl, Öle oder Klärschlamm nicht mehr in den Nahrungsmittelkreislauf gelangen – auch nicht als Düngemittel. Er hoffe auch, so Ledermüller, dass nun ein generelles EU-Verbot für Antibiotika in Futtermitteln kommt. In Österreich soll rasch die Agentur für Ernährungssicherheit geschaffen werden. Sie soll die bisher aufgesplitterten (Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium und Länder) Kontrollinstanzen bündeln und so eine lückenlose Qualitätssicherung (vom Bauern bis zum Konsumenten) erleichtern.
Der Umstieg
Ledermüller sieht in der Krise der Landwirtschaft auch die Chance, europaweit zu einer naturnäheren Landbewirtschaftung und Tierhaltung zu kommen. Das könne aber nicht so gehen, wie sich das jetzt in Deutschland abzeichnet: Man macht den Bauern eine Menge Auflagen, ihre Produkte aber sind weiter dem freien Wettbewerb am Weltmarkt ausgesetzt. Das würde bedeuten, dass vielleicht 30 Prozent der Verbraucher zu den teureren europäischen Produkten greifen, der Rest aber würde die billigeren Importe aus den USA, Argentinien oder Neuseeland kaufen, fürchtet Ledermüller. Als Beispiel führt er den heimischen Biomarkt an. Von 40.000 Tonnen hochwertigem Biofleisch kaufen die Österreicher/-innen zum angemessenen Biopreis (ca. 20 bis 30 Prozent höher) nur 2000 Tonnen. Der Rest muss normal vermarktet werden. „Wenn wir die EU-Landwirtschaft umbauen wollen, müssen wir einen Außenschutz durchsetzen, d. h. Importprodukte müssen denselben strengen Qualitätskriterien unterliegen“, betont Ledermüller. Eine Chance, das bei den anderen Welthandelspartnern durchzudrücken, gebe es aber nur, wenn die EU darauf verzichtet, ihre Überschüsse preisgestützt auf andere Märkte zu bringen. Das bedeute, dass die EU ihr Agrarfördersytsem viel radikaler als bisher umstellen muss – weg von der Menge hin zu naturnahen Produktionsweisen und alternativen Produkten (nachwachsende Rohstoffe etc.).
Das Zitat:
In ihrem Sozialhirtenbrief von 1990 haben sich die Bischöfe Österreichs für eine naturnahe Landwirtschaft ausgesprochen. Wir zitieren aus dem hoch aktuellen Text.
Bischöfe zur Landwirtschaft
Wir sind davon überzeugt, dass die bäuerlich strukturierte Landwirtschaft auch in Zukunft für die Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln die unmittelbare Verantwortung tragen soll. Dazu kommt aber als gleichwertige Aufgabe die Erhaltung und Pflege des Naturhaushaltes und der natürlichen Lebensgrundlagen wie Wasser, Luft, Boden (Nr. 43). In der Agrarfrage geht es auch um das Gemeinwohl der Gesellschaft. Deshalb kann die Lösung der Krise der Landwirtschaft (sinkende Einkommen etc.) nicht ausschließlich der ländlichen Bevölkerung aufgelastet, aber auch nicht dem bloßen Mechanismus des Marktes überlassen werden (Nr. 45). Die Agrarpolitik trägt eine entscheidende Verantwortung für den Strukturwandel. Sie wird darüber mitzuentscheiden haben, ob einer Landwirtschaft, die bodenbezogen, kreislauforientiert und umweltverträglich arbeitet, der Vorzug gegeben wird oder einer industriell betriebenen Nahrungsmittelproduktion. Die technisch-wirtschaftliche Entwicklung sollte in die Richtung einer umweltgerechten Produktion und einer artgerechten Tierhaltung gelenkt werden. Entscheidet man sich aus diesen Gründen für eine bäuerliche Landwirtschaft, dann wird man um eine entsprechende Markt- und Preispolitik nicht herumkommen. Dazu gehört auch, dass die kulturpflegerischen Leistungen abgegolten werden. Eine besondere Verantwortung kommt auch den Konsumenten zu (Nr. 46 u. 47).
Zur Sache:
Die Krise hat System
BSE-Krise und „Schweineskandal“ sind unübersehbare Warnsignale eines falschen Agrarsystems, sagt Josef Willi.
„Wären die BSE und der Medikamentenmissbrauch in der Tierhaltung bloß die Folge gewinnsüchtiger, krimineller oder unvernünftiger Handlungsweisen, dann könnte man die Sache mit strengen Vorschriften und Kontrollen, rigorosen Verboten und Strafen bald in den Griff bekommen“, meint Josef Willi vom Insitut für Agrarökologie in Innsbruck. Er hält diese Maßnahmen zwar für notwendig, sie seien aber bloß eine Feuerwehraktion. Die Brandgefahr bleibe bestehen. Für Willi sind BSE und Medikamentenmissbrauch die Spitzen eines Eisberges eines falschen Agrarsystems. Der von den EU-Agrarkommissaren (Fischler und Vorgänger) geforderte und von Österreich unterstützte Umbau des Agrarsystem sei bisher nicht erfolgt. Verhinderer waren aber nicht nur die Lobby der industriellen Landwirtschaft und Futtermittelerzeuger. An billigen Lebensmitteln war die gesamte Wirtschaft interessiert. Je weniger Geld die Leute für ihre Ernährung ausgeben (müssen), desto mehr haben sie für den Kauf anderer Güter (siehe Grafik). Die Folge war eine Agrarpolitik, die auf Massenproduktion setzte. Darauf bauten nicht nur die großen Erzeuger, meint Willi. „Auch in kleinen Tiroler Ställen stehen heute Kühe mit 10.000 Kilogramm Jahresmilchleistung, die nur mit einer nicht tiergerechten Fütterung und einem Rattenschwanz an negativen Folgen zu erzielen ist .“
Zur Reform der Agrarpolitik fordert Willi vier Maßnahmen:- Schaffung eines EU-weiten Bewertungs- bzw. Klassifizierungssystem landwirtschaftlicher Produktionsverfahren. Es soll Bauern und Konsumenten die Orientierung ermöglichen, was im Sinne von Qualität, Gesundheit, Ökologie, Tierschutz etc. gut und was weniger gut ist. - Schaffung einer Einrichtung, die das vielschichtig vernetzte System der Landwirtschaft beobachtet und im Sinne einer umweltgerechten, nachhaltigen Landwirtschaft interveniert. - Die Umschichtung der öffentlichen Mittel (EU und Länder) zur Förderung einer umweltgerechten, qualitätsfördernden Landwirtschaft und zum Ausgleich natur- und strukturbedingter Nachteile (Berggebiete etc.). - Die Bildung einer Basisbewegung zur wirksameren Umsetzung der Reformschritte.
Mehr zu diesem Thema in der Zeitschrift „Aktives Land“ (1/2/2001). Bestelladresse: 6142 Mieders Nr. 22, Tel. 0 52 25/62 547.