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Neue Arbeitsteilung in Moskau

Ausgabe: 2001/07, Moskau, Russland, Putin,
13.02.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Präsident Wladimir Putin setzt auf die religiöse Erneuerung Russlands. Dafür gibt ihm der Moskauer Patriarch Aleksij moralische Rückendeckung im Krieg gegen Tschetschenien.

„Wladimir Putin hat sich so perfekt in die Orthodoxie eingearbeitet wie sonst kein postkommunistischer Politiker vor ihm“, sagt Gerd Stricker. Hinweise dafür kennt der Russlandexperte viele. Der Ex-KGB-Agent Putin ist heute Mitglied in der Dreifaltigkeitskirche in den Sperlingbergen, einem Stadtteil Moskaus. Dorthin geht er jeden Morgen zum Gebet, ehe er sein Arbeitstag im Kreml antritt. Und im Gegensatz zu Jelzin und anderen Politgrößen bekreuzigt sich Putin richtig, macht die richtigen Verbeugungen und küsst die Ikonen, wie es sich gehört.

Putin: für die Kirche

14 Monate bekleidet Wladimir Putin nun das höchste Amt. Überraschend, wie sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen, zwischen Präsident und Patriarch entwickelt hat. Einen Hinweis darauf sieht Stricker in den Neujahrsansprachen 2001: „Sie redeten wie mit vertauschten Rollen.“ Patriarch Aleksij sprach ganz allgemein gehaltene Glückwünsche aus. Putin hingegen übernahm die geistliche Rolle.
Der Präsident wandte sich direkt an die orthodoxen Christen und forderte nach der politischen und wirtschaftlichen Wende nun eine Wende zur Innerlichkeit. Gleichzeitig rief er zu mehr Toleranz auf. „Nur ein multikonfessionelles und multireligiöses Russland“, so Putin, könne sich in einer entscheidenden Weise an der Weltordnung beteiligen und seine alte Position zurückerobern.Dass der Präsident seine Rede zum neuen Jahr ausgerechnet am kirchlichen Neujahrstag (14. Jänner) hielt, bezeichnet Stricker als Überraschung. „Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Überraschend ist aber auch, dass Putin sagt, was eigentlich Aleksij zustünde, der Patriarch aber aus Rücksicht auf seine Bischöfe nicht sagen kann.“

Patriarch: für den Krieg

Doch dieser Rollentausch zwischen dem starken Mann im Staat und der höchsten Autorität der Kirche ist nicht neu. Mehrfach hat zuletzt Aleksij für Putin das Wort ergriffen – vor allem zu einer moralisch heiklen Frage: dem Krieg in Tschetschenien. Damit leistete der Patriarch auch eine massive Hilfe vor der Präsidentschaftswahl vom März 2000, aus der Wladimir Putin bereits im ersten Anlauf als Sieger hervor ging.
Gegenüber der Kirchenzeitung analysiert Gerd Stricker die Haltung von Patriarch Aleksij: „Durch seine nachdrückliche Unterstützung der politischen Position Putins gab er dessen Befehlen den Segen der orthodoxen Kirche. Er rechtfertigte den Krieg vor dem gläubigen Volk und verdrängte seine Skrupel. Da sich der Patriarch im Namen seiner Kirche so klar mit Putin identifiziert, wird Kritik an Putin auch zur Kritik an der Kirche.“

Fragwürdige Popularität

Eine kritische Haltung gegenüber dem Tschetschenienfeldzug innerhalb der russischen Orthodoxie sei nicht vorhanden, meint Stricker. Denn aus der Geschichte ist die Kirche zu sehr geprägt von der Angst, den starken Mann im Staate zu verärgern. „Andererseits ist der Krieg äußerst populär“, meint der Russlandexperte. „Putin hat ihn propagandistisch geschickt genutzt. Die latent schlummernden Vorurteile gegenüber Tschetschenen hat er zur lodernden Flamme angefacht.“
Mit seiner Haltung zum Krieg nimmt das Moskauer Patriarchat sogar Spannungen gegenüber der Orthodoxie in Georgien in Kauf: „Dass der südliche Nachbar Flüchtlinge aus Tschetschenien aufnimmt und betreut, gilt orthodoxen Russen schon beinahe als Sakrileg.“




Interview:


Dem Markt geopfert

Herr Kumpfmüller, wie beurteilen Sie die Situation in Tschetschenien?
Kumpfmüller: Es herrscht eine massive militärische Unterdrückung und es ist eine humanitäre Katastrophe. In meinen Augen handelt Moskau unverantwortlich, dass es humanitäre Hilfe kaum zulässt.

Warum schaut der Westen zu?
Kumpfmüller: Putin scheint der Garant für die Interessen vor allem der westlichen Großkonzerne zu sein. Die enormen Schulden Russlands gegenüber dem Westen spielen dabei eine wichtige Rolle. Russland wird als ein riesiger Markt der Zukunft gesehen und Tschetschenien wird dem geopfert.

Welche Möglichkeiten hätte der Westen?
Kumpfmüller: Die einzige wirkliche Chance sehe ich in der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE). Doch die noch im Kalten Krieg gelegte Entspannungsschiene wird nicht mehr zur Annäherung zwischen Ost und West genützt. Der Westen vernachlässigt sie vielmehr zugunsten der Nato, die ja bereits die „Osterweiterung“ vorweggenommen hat. Wäre im Gegenzug aber die OSZE weiter ausgebaut worden, dann hätte Russland nicht diesen Freiraum gegenüber Tschetschenien.

Mit dem OSZE-Vorsitz Österreichs im vergangenen Jahr haben Hilfsorganisationen gehofft, leichter in Tschetschenien helfen zu können. Daraus ist nichts geworden.
Kumpfmüller: Es wäre die Chance gewesen: das neutrale Österreich bringt die OSZE stärker ins Spiel. Aber das passt nicht in die außenpolitische Linie der gegenwärtigen Bundesregierung. Sie nimmt keine Vermittlerrolle war. Denn sozusagen als Vorleistung für den Nato-Beitritt will sie beweisen, dass Wien bereits jetzt die Nato-Interessen vertritt. Deshalb hat Außenministerin Ferrero-Waldner in Sachen Tschetschenien kein echtes Engagement entwickelt.

Dr. Karl Kumpfmüller ist Friedensforscher und leitet das Friedensbüro der Stadt Graz.Winkler
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