Einziges internationales Hilfsprojekt – Österreich hilft Waisenkindern
Ausgabe: 2001/07, Grosny, Kinderprojekt,
13.02.2001
- Walter Achleitner
Es ist eine unwahrscheinliche Leistung: in der zerstörten Stadt erhalten 50 elternloseKinder täglich zwei warme Mahlzeiten. Doch die Hilfe hängt am seidenen Faden.
Es sind zwei unscheinbare Häuschen, hinter denen sich in Grosny das Kinderprojekt der Caritas verbirgt. Doch die beiden frisch getünchten Bauten heben sich ab vom Meer der ausgebombten Ruinen. Einzige Farbe, die sie zieren, sind aufgepinselte Parolen an den noch stehenden Mauern: „Es ist schon alles weggenommen. Hier leben nur friedliche Leute. Lasst uns in Ruhe!“Seit gut vier Monaten läuft nun das Projekt der Tageskinderstation, das von der Caritas Österreich und Tschechien gemeinsam aufgebaut wurde. Für die Jüngeren ist es ein Kindergarten, die bis zu 14-Jährigen lernen hier Lesen und Schreiben. Es sind die einzigen Häuser weit und breit, deren Fenster und Dächer vor dem eisigen Kriegswinter schützen. „Dass es gelingt, 50 Waisen hier täglich zwei warme Mahlzeiten zu bereiten, sie zu unterrichten und ihnen medizinisch zu helfen, ist eine riesige Leistung“, beschreibt Otto Hirsch seine Eindrücke.
Tägliches Bangen
Erst vor kurzem war es dem Oberösterreicher gelungen, in die tschetschenische Hauptstadt zu gelangen. „Was sich dort abspielt, ist mit keinem der Balkan-Kriege zu vergleichen. Umso unglaublicher ist es, was hier bisher mit der Kinderstation gelungen ist.“ Doch jeden Morgen bangen die Kinder, ob der Kleinbus kommen und sie aus ihren Kellerlöchern holen wird. Denn aus Sicherheitsgründen dürfen sie sich nicht alleine auf den Weg wagen. „Diese Arbeit ist gänzlich der Willkür des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ausgeliefert. Von ihm hängt es ab, ob der Bus die Kinder einsammeln, oder ob der Lebensmittelnachschub die zehn Straßensperren von der Nachbarrepublik Inguschetien passieren darf“, sagt Hirsch.
Hilfe unterbunden
„Die Lebensbedingungen schreien zum Himmel.“ Dass aber jegliche humanitäre Hilfe unterbunden wird“, bezeichnet der Linzer als „himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die Menschen haben ein Recht auf Hilfe!“ Doch warum schweigt Europa? Diese Frage beschäftigt ihn, seit er die von 190.000 Menschen bevölkerte Geisterstadt besuchte. Und er fragt, „warum der Friede erst gesucht wird, wenn es der Durchsetzung westlicher Interessen dient?“ Mit seinem Besuch wollte Otto Hirsch den Menschen zeigen: sie sind es wert, dass man aus dem Westen in den Kaukasus fährt. Und nebenbei ist es ihm gelungen, das finanziell akut gefährdete Bestehen der Kinderstation für einige weitere Wochen zu sichern.
Zur Sache:
Tschetschenien helfen
Vor allem osteuropäische Hilfsorganisationen sorgen in Inguschetien für das Über-leben tausender Flüchtlinge im zweiten Kriegswinter. „Die Situation in den Lagern ist wie im Vorjahr: unverändert schlecht“, sagt Felicitas Filip von der österreichischen Caritaszentrale. Verändert hat sich jedoch, dass nun wenigstens zwei Hilfsorganisationen in Grosny selbst aktiv sein dürfen: der dänische Flüchtlingsrat, der unterstützt von der EU Lebensmittel in die Stadt liefert, und die Caritas, die die einzige internationale Hilfseinrichtung vor Ort aufgebaut hat. „Gemeinsam haben es die Caritas Tschechien und Österreich geschafft, im Juli 2000 in der inguschetischen Hauptstadt Nasran ein Büro zu eröffnen. Seit kurzem sind dort sogar zwei Mitarbeiter tätig“, sagt Filip, die von Wien aus die internationale Hilfe der Caritas für Tschetschenien koordiniert. Tschechiens Solidarität mit Tschetschenien ist jedoch viel stärker als die aus Österreich. „Vielleicht hängt das mit der leidvollen Erfahrung in der Sowjetzeit zusammen“, urteilt Filip. Österreichweit wurde in den letzten 12 Monaten dafür 1,3 Mill. Schilling gespendet. „Zu wenig für das, was wir leisten sollten.“ Selbst für die Pionierarbeit des Waisenkinderprojektes bewilligte die EU keine Hilfsgelder. Und trotz Österreichs OSZE-Vorsitz gab es dafür keine finanziellen Mittel vom Außenministerium. Begründung: allgemeine Budgetkürzungen.