Jahrelang war ich dort auf Urlaub gewesen, auf einer kroatischen Insel. Und da musste ich eines Sommers, als ich wieder hinkam, feststellen, dass da ein Ölbaum, der sich zu nahe an einem Weg befunden hatte, umgehauen worden war. Doch der Ölbaum trieb, wie ich im folgenden Jahr feststellen konnte, von der Wurzel her wieder aus. Und wenn seine Äste nicht gerade quer über den Weg wachsen, wird daraus wieder ein neuer Baum.
Auch die Menschen im alten Israel hatten oft erleben müssen, dass ihre Ölbäume von den erobernden Truppen umgehauen worden waren. Aber nach Jahren standen dort doch wieder Ölbäume. Und so ist dieses Immer-wieder-Austreiben gerade des Ölbaumes für die Israeliten zum Symbol für die Geschicke ihres eigenen Volkes geworden. Oft und oft aus dem Land vertrieben, aus dem Land ihrer Väter Abraham, Isaak und Jakob und dem Land ihrer Mütter Sara, Rebekka, Lea und Rachel, leben die Nachkommen dieses Volkes auch heute wieder in diesem Land, das für drei Religionen – Judentum, Christentum wie Islam – ein heiliges Land ist. Auch die biblischen Propheten sprechen von diesem immer wieder austreibenden Ölbaum. „An jenem Tag wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jes 11, 1) Wenn Jesaja hier vom austreibenden Ölbaum redet, so meint er ganz eindeutig sein Volk, das, aus seinem eigenen Land vertrieben, wieder dort leben wird. In diesem Heilswort (V. 1–10) spricht Jesaja aber auch von einem vom Geist Gottes erfüllten gerechten Herrscher für sein Volk. Dieser Spross aus der Wurzel wird „Zeichen für die Nationen“ sein, „die Völker suchen ihn auf“ – die neutestamentlichen Gemeinden sahen dies im Wirken und im Weg Jesu aus Nazareth erfüllt.Solange die Wurzel noch da ist, lebt der Ölbaum und kann wieder austreiben. Solange sich das Volk Israel seiner Wurzeln, und das heißt ja wohl, sich seines Gottes und seines Glaubens besinnt, lebt und existiert dieses Volk.